LET THERE BE RAIN: LANTA COOKING & GOING KO SAMUI

Als mein Doppeldeckerbus, beladen mit Backpackern aus aller Herren Länder, auf dem Weg zum Speedboat-Pier Don Sak in Surat Thani die Hochebene Thailands passiert, beginnt es zu regnen. Wobei das Wort Regen nicht annähernd beschreibt, wie sich ein Regenzeitregen in Thailand anfühlt. Oder wie er aussieht.

Der Himmel ist grau, dunkel und die Wolken hängen so tief, dass die Gipfel der kleinen, spitzen Berge mindestens zu einem Drittel wie abgesägt sind. Die Luft ist schwer, als wolle der Himmel die Erde erdrücken. Du kannst die Feuchtigkeit riechen, schmecken, hören und spüren. Alles ist klamm, das Bettzeug, die Möbel. Straßen stehen unter Wasser. Das Plätschern des Regens ist allgegenwärtig und dämpft alle anderen Umweltgeräusche. Man muss lauter sprechen. Meine Short, die ich vor fünf Tagen gewaschen habe, trocknet immer noch. Der Regen macht alles langsam in Thailand. Man erledigt nur das Nötigste. Und damit bleibt viel Zeit, um herumzusitzen und den Tag entspannt verstreichen zu lassen. Ganz ohne schlechtes Gewissen.

Cause there’s nothing to do.

Will ich überhaupt nach Ko Samui? Im Minivan, der mich nach Krabi bringt, treffe ich ein junges Paar aus Offenbach. An der Busstation, an der wir in den großen Bus umsteigen und uns sehr kleine Thailänderinnen Aufkleber mit unserem Zielort auf die Brust kleben um uns danach mit sehr kleinen Megafonen lautstark in Grüppchen sortieren, kommen wir ins Gespräch. Die beiden wollen nach Ko Tao. „Da ist es viel ruhiger. Ko Samui ist uns zu stressig, da ist ja überall nur Party“ erklärt sie mir und er fügt hinzu, dass es noch schlimmer als auf Phi Phi sein soll: „Und da wären wir am liebsten gleich wieder abgereist! Aber wir waren an Sylvester da und unser Hostel war gebucht.“

„Wir haben uns nur eine ganz grobe Reiseroute gemacht und außer für die Nacht nach dem Flug in Bangkok und Sylvester auf Phi Phi nichts gebucht“.

Toll. Ich habe jeden Tag vorab gebucht, inklusive passender Fähren und Inlandsflüge.

Ich mag Gewissheit. Dachte ich zumindest. Und ich war mein ganzes Leben lang Pauschaltourist oder bin in irgendein lange vorab gebuchtes Ferienhaus gefahren. Auch diesmal konnte ich dem Drang nicht widerstehen, alles vorher fix zu machen. Und am Ende hatte ich wahrscheinlich auch viel zu viel Angst davor, mitten in der thailändischen Hauptsaison im 10er Schlafsaal eines muffeligen Hostels in irgendeiner Nebenstraße Phukets zu landen. Und deshalb fahre ich jetzt nach Ko Samui, auch wenn da Party ist, die Insel im Monsunregen untergeht und ich viel lieber in den Norden will. Für irgendetwas wird es gut sein. Und wenn es nur dafür ist, das nächste mal ein bisschen entspannter an die Sache heranzugehen.

Dabei war es mir schon auf der „anderen Seite“ von Ko Lanta zu voll. Im alten Ko Lanta geht die Sonne auf, schön pünktlich morgens um sechs Uhr dreißig. Perfekt für den Urlaub. Auf der gegenüberliegenden, Phuket zugewandten Seite, geht sie 12 Stunden später unter, und diese Sonnenuntergänge wollen die Leute haben, vermutlich weil es sich dabei besser Cocktails trinken lässt. Das alte Ko Lanta ist ein Dorf. Es gibt nur eine kleine Infrastruktur und ein paar Läden für Touristen, der Rest ist ‚local‘. Das neue, touristische Lanta ist ein bisschen wie Ibiza, Mallorca oder Side – Shops mit gefakten Klamotten, Minimarkets, Bars und die Rückseiten der Ressorts säumen die parallel zu Strand verlaufende Hauptstraße. Auf den zweiten Blick gibt es hier und da aber noch ein bisschen Local Spirit. Zum Beispiel im Haushaltswarenladen, der keinen festen Boden hat, nur Sand. Um endlich meine Ananas schälen und meine Kokosnuss öffnen zu können wann und wo ich will, erhandele ich mir für 60 Baht, also 1,50€ eine kleine Machete. Die Ananas übersteht sie schadlos, die Kokosnuss ist ihr schnelles Ende.

Das Time for Lime ist eine thailändische Kochschule am Klong Dao Beach. Der Strand ist schön: breit und voll mit Bars, Strandmassagen und Touristen, vorwiegend aus England uns Skandinavien. Ich wohne in einem tristen Betonbungalow mit aquamarinblauen, glänzenden Fliesen, was dem Ganzen den Flair eines aus der Mode gekommenden Badezimmers verleiht. Vor der Tür ist eine kleine, limonengrüne Bank und es gibt eine Hängematte. Von diesen Bungalows stehen zehn Stück schön ordentlich in gerader Reihe auf einem schmalen Streifen neben der Baustelle zwischen zwei Ressorts. Abends hängen die glücklichen Bungalowbewohner in Reih und Glied in ihren Hängematten. Über ihnen trocknen die Strandtücher. Natürlich alles Backpacker, ganz stolz auf ihre Individualreise.

Seit einer halben Ewigkeit ist das Time for Lime auf Ko Lanta eine Institution die man kennt. Gegründet von einer Österreicherin, ist die Umsetzung bis ins letzte Detail europäisch professionell. An zwei Abenden koche ich mich mit anderen Touris aus Neuseeland, Australien, den USA und Schweden durch jeweils vier thailändische Klassiker.

Zwischen Massaman Curry und einem frittierten Papayasalat (sie frittieren gerne alles mögliche hier in diesem Land) lerne ich Megan und ihren Mann kennen. Sie sind gerade von Texas nach San Francisco gezogen und machen jetzt eine zweiwöchige Thailandreise. Dabei nehmen sie Ko Lanta, Krabi, Chiang Mai und Bangkok mit. Immer drei Tage an jedem Ort, natürlich inklusive der Reisezeiten. „Respekt“ denke ich mir, mir ist der eine Ortswechsel schon zu viel. Die beiden schlafen in Lanta in einem Bungalow ohne Fenster „But there’s an Aircon in, so it’s ok“. „Respekt.“

Das Kochen im T4L ist anders als mit Mon. Nicht besser, nicht schlechter, nur anders. Wirklich klasse ist das Tasting zu Beginn des Kurses. Wir verkosten verschiedene Saucen (die ich im Leben nicht probiert hätte) und eine füllige Thailänderin erklärt uns in lustigem Thainglish wie sie gemacht werden und wofür sie verwendet werden. Im Time for Lime lerne ich, wie Gemüse nicht einfach nur zertrümmert, sondern kontrolliert zertrümmert wird.

Das ist spannend, genauso wie die Herstellung von verschiedenen Currypasten im Mörser. Es sind die Gewürze, die Thailands Küche so geschmacksintensiv und einzigartig machen. In fast jedem Gericht finden sich die Dimensionen würzig, salzig, süß und sauer in einer mehrdimensionalen Balance. Hier ist die Schnittmenge zu eat better und ich nehme viele neue Ideen mit, verweigere aber weiterhin den Kauf des angebotenen Saucenpacks.

Interessant finde ich, dass hier Köpfe und Schwänze von Garnelen mitgegessen werden: Nicht etwa weil es so schön knuspert, sondern weil es in der traditionellen thailändischen Küche (die ohne Milchprodukte auskommt) keine andere Kalziumquelle gibt. Also:

Eat the Tail!

So frisch und toll alle pflanzlichen Zutaten auch sind, genauso wie Fisch und krustiges Getier, so lahm und definitiv ’not organic‘ ist alles bisher gegessene Fleisch vom Land. Spätestens als mein Backpackerbus mitten im Dschungel eine kilometerlange Hühnermast passiert, vergeht mir der Appetit auf das absolut geschmacksneutrale, weiße Fleisch. Der gegrillte Catfisch mit Mangosalat, den ich in einem dreckigen Streetfood-Lokal an der sprichwörtlichen Straßenecke kaufe ist dafür eine echte Erfüllung.

Spätestens auf dem Speedboat nach Samui bereue ich, dass ich das Thema ‚Aircondischn’ in meinem letzten Beitrag schon so umfassend ausgeschlachtet habe. Ich dachte „mehr kann einfach nicht kommen“, aber es kommt mehr. Im Bus verpacken sich Menschen, die im Strandoutfit eingestiegen sind, nach und nach in alles was nicht in einem der überwiegend riesigen Rucksäcke verstaut im Bauch des Busses schlummert. Während der Fahrt zwischen Krabi und Samui kühlt eine vermutlich dreistellige Literzahl Diesel den Bus zielsicher in Richtung Gefrierpunkt. Kurz vor dem Pier ist es bis auf des Rauschen der Aircon absolut still im Bus. Wahrscheinlich sind die Kiefergelenke der Reisenden gefroren. Ich verstehe nicht, warum sie das tun, diese Thailänder.

I’m in a green car on the pier!

begrüßt mich Daves Stimme. Mein Handy mit der thailändischen Simkarte habe ich schmerzhaft ans Ohr gepresst, durch das Dröhnen der Speedboat-Motoren höre ich fast nichts. Meine Hoffnung, dass der Regen sich auf dem Weg nach Ko Samui verzogen haben könnte wird beim Aussteigen jäh vernichtet. Nach den 20 Metern bis zum Green Car gibt es keinen trockenen Fleck mehr an meinem Körper und ich bin froh, dass ich alle mitreisende Technik sicher in meinem Drybag verstaut habe.

Wir fahren durch lange Straßen mit teils geschlossenen Geschäften während der Monsunregen unerbittlich in dicken, schweren Tropfen auf die Scheiben prasselt. Ich kann nicht viel von der Aussenwelt erkennen, aber auf den ersten Kilometern nach dem Pier bekomme ob der Art und der Dichte der Bebauung das Gefühl, dass sich meine Befürchtungen bewahrheiten und Samui wirklich eine einzige große Touristenmeile ist. Dann, mit einem Mal, nach vielen Kilometern durch eine lückenlose, graue Bebauung, wird es grün um uns herum. Die Straßen werden schmal und kurvig und nur ab und an stehen ein paar Thaihäuschen auf Stelzen in etwas, das eindeutig aussieht wie Dschungel. Ananas- und Kokospalmen, riesige Bäume und Sträucher biegen sich und glänzen im dichten Regen.

Im Sturm sind ein paar Strommasten umgeknickt und wir kommen nicht direkt zum Ziel. Am südlichen Zipfel der Insel, in Ban Bang Khao ist Samui ursprünglich. Es gibt fast keine Hotels oder Ressorts, nur Hühner und Kühe auf der Straße und hier und da eine Garküche oder einen kleinen Markt. Der ranzige 7/11 ist das Shopping-Highlight. Wir tuckern durch mit rotbraunem Wasser gefüllte Schlaglöcher in Schrittgeschwindigkeit zum Acoustic Café. Auch im Regen ist ein fantastischer Ort. Weitab von allem Trubel hat Dave vor ein paar Jahren mit der Machete einen Disc-Golf Course in den Urwald geschlagen. Beim Disc Golf benutzt man Frisbees statt Bällen und wirft Körbe und nicht in Löcher. „Ansonsten ist alles gleich“ erklärt Dave, der Neurologe, der irgendwann den Kaffee auf hatte und aus seinem sicheren Job vor vielen Jahren aus den USA nach Samui ausgewandert ist. Und das, um seinen eigenen Disc Golf Course zu bauen und darauf zu spielen. Das muss man erstmal bringen.

Dude, I’ve made my dream come true. Livin’ poor but happy.

Pawn, seine Frau ist gerade auf einem Visarun in Laos, ihrer Heimat und Benji, sein sieben Monate alter Sohn, unser ständiger Begleiter. Ich stelle fest, dass es nicht leicht für mich ist, alle meine Gedanken auf Englisch zu formulieren, aber nach ein paar Stunden bin ich in Schwung. Wir finden eine Ebene und große Überschneidungen in unseren Weltbildern. Es macht Spass mit Dave zu sprechen und ich bekomme eine Idee, was es heisst, alle Brücken hinter sich abzubrechen. Seine Geschichte ist spannend, witzig und auf eine spezielle Art inspirierend. Irgendwie erinnert sie mich an The Big Lebowski. Nur eben nicht mit Bowling, sondern mit Disc Golf. But they call him the Dude, here in Samui. His Dudeness.

Wir sitzen im sprichwörtlichen Regen, Tag zwei. Regen, als würden tausenden Schwallduschen lauwarmes Wasser vom Himmel spucken. Gegen Mittag klettert Rami aus seiner Hütte. Der Finne ist seit zwei Monaten auf Samui. Ein angehender Disc Golf Pro (was es nicht so alles gibt). Er bleibt noch einen Monat bis zur Disc Golf Meisterschaft, zu der die Disc Golf Pros dieser Welt auf Daves Course in Samui zusammenkommen.

Eine Kokospalme, die im seichten Sturm auf die Stromleitung gefallen ist, hat zu heftig an der wirren Verkabelung gerissen und gleich ein paar Masten auf einmal abgebrochen. Die einzige Straße ist nicht passierbar. Der kleine Zipfel, auf dem das Acoustic Café steht, ist damit quasi von der Aussenwelt abgeklemmt. Strom und damit auch das Wasser, das elektrisch von Station zu Station gepumpt wird, sind off. Abwasser läuft nicht mehr ab, das Grundwasser steht zu hoch. Internet ist down, auch das mobile. Kurz vor Anbruch der Dunkelheit, also gegen fünf, rollen wir in Schrittgeschwindigkeit auf unbefestigten Wegen durch den Dschungel zum nächsten 7/11.

Im Format eines mittleren Tankstellenshops ist hier so ziemlich alles an Nahrung versammelt, was dazu beiträgt, dass in Thailand deutlich mehr dicke Kinder als Erwachsene zu sehen sind. Ich kaufe Bananenchips und Cashewcracker. Immerhin Organic. Daves Green Car mag keinen Regen (eine generell ungünstige Eigenschaft in dieser Klimazone) und springt nach dem Einkauf nicht mehr an. Der Regen wird stärker. Nach 10 Minuten beschlagen die Scheiben. Fenster öffnen im dichten Regen unmöglich. Nach einer Viertelstunde wird Benji unruhig. Mit jedem Startversuch werden die Batterielampen dunkler. Die Nacht ist schon lange da. In der Not beschließen wir, das es schlimmere Orte, als auf dem Parkstreifen vor einem 7/11 gibt, an denen drei Männer und ein Baby stranden können. Die Meinung aller Anwesenden, bis auf Benji, ändert sich, als dieser strahlend und geräuschvoll sein Geschäft erledigt. Zu einem Zeitpunkt als man die Luft im winzigen Innenraum des Green Car schon schneiden kann. Irgendwann erbarmt sich der alte Nissan und trägt uns zurück in unser dunkles, nasses Heim am Ende der Welt.

In der Nacht kommt der Strom zurück und mit ihm am nächsten Morgen das Wasser. Der Regen bleibt. Als Pawn am viertem Tag nach meiner Ankunft heimkehrt, hört es für einen halben Tag auf zu regnen. Pawn fegt die Bar und räumt die Männerwirtschaft aus der Küche, ansonsten ändert sich nichts, hier im Regen, am Ende der Welt. Und das ist auch gut so.

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