TIME OUT: DER GRIFF INS KARUSSELL

Seit Wochen überlege ich, mit welchem Thema der erste persönliche Text auf dem Blog an den Start gehen soll. Irgendwie hing ich dabei gedanklich immer in der Vergangenheit fest und wollte als Einstieg einen Erfahrungsbericht über mein Paleo-Jahr schreiben – also das, womit eat better begann. Zugegeben, das wäre auch absolut sinnvoll. Rund um diesen Ausgangspunkt ranken sich viele der Aspekte, die eat better heute zu einem ‚Großen Ganzen‘ machen.

Irgendwie habe ich aber einfach nicht den richtigen ‚Pack-An’ bekommen. Vermutlich liegt das daran, dass ich gerade keine Lust dazu habe, mich mit dem zu befassen, was schon lange passiert ist. Viel spannender finde ich die Gegenwart, die Zukunft.

Anstatt meinem Gefühl zu folgen und einfach über das zu schreiben, was mich gerade bewegt habe ich gegrübelt, geplant, weiter gegrübelt, umgeplant und am Ende alles verworfen. Der Gedanke ‚was so alles sinnvoll wäre‘ hat mich aufgehalten und, schau an, das Ergebnis ist nicht etwa etwas sinnvolles – es ist original NICHTS (Ausser vielleicht der Erkenntnis, dass ich besser schneller ins Handeln gekommen wäre 😉

Um die Sache endlich in Schwung zu bringen gibt es jetzt also einen kleinen Einblick in meine Welt und wir starten einfach im hier und jetzt. Also: Seitdem ich zu 100% Freiberufler bin, habe ich gefühlt ununterbrochen gearbeitet. Der Blog, ein großes Projekt in der Betriebsgesundheit und der eat better Shop sind alle in 2016 gestartet. Dazu kam ein erfreulich florierendes Geschäft im Ernährungs- und Lifestyle Coaching. Ich habe ganz bewußt so viele Eisen ins Feuer geschmissen: Um die Sicherheit zu haben, dass ich überleben kann auch wenn eins davon abraucht. Jetzt läuft alles. Und macht Arbeit.

Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich bei Freunden und der Familie rumjammere, dass es gerade alles ein bisschen viel ist. Dann erzähle ich von den vielen Aufgaben, was ich vor habe und was mich gerade bedrängt. Fast immer höre ich den Satz:

Ja ist doch super, dass es bei dir so gut läuft! Besser so als andersrum! Stell dir vor, du hättest nichts zu tun!

Als ob es erstrebenswert wäre, viel zu arbeiten. Quasi der Selbstzweck. Ein Maßstab für die eigene Lebensleistung. Die Aussage katapultiert mich immer ein paar Jahre zurück, in die Zeit meines sicher geglaubten Jobs, die Zeit von Hochzeit, Haus und Hof. Viel Arbeit, viel Geld, kein Leben.

Genau das ist es, was ich nicht mehr will. Obwohl: Ich habe schon immer gern gearbeitet. Ich mag es, Dinge zu tun, die wertschöpfend sind. Heute ist mein Fokus allerdings ein anderer. Früher war meine Bemessungsgrundlage für den Wert meiner Arbeit simpler Cash.

Heute möchte ich, dass die Dinge die ich tue eine positive, meinen Werten und Prinzipien entsprechende, Auswirkung haben.

Und das bestenfalls für meine Klienten und für mich. Das daraus entstehende Geld soll es mir möglich machen, mein Sein, ein Integral aus Arbeit und Ruhe zu finanzieren  – nicht mehr und nicht weniger.

Über die verschiedenen Projekte, die sich zuerst nach und nach und dann parallel entwickelten, habe ich meinen eigenen Fokus verloren. Die ersten Wochen, vielleicht sogar die ersten Monate, war es total ok an den meisten Tagen der Woche 12 bis 16 Stunden am Rechner zu verbringen und in der verbleibenden Zeit Klienten zu sehen; damit hatte ich gerechnet. Mir fiel zuerst auch (noch) nicht auf, dass mein Arbeiten keine durch mich geplante Prisorisierung hatte und ich bevorzugt nach dem Prinzip ‚First in – first out‘ arbeitete. Alles war neu und alles war wichtig – zumindest dachte ich das.

Ich hatte einfach nackte und unreflektierte Angst davor, etwas zu verlieren, zu verpassen und vor Allem: davor etwas abzusagen. Weil ich dachte dann würde alles, was ich bis dahin aufgebaut hatte zusammenbrechen. Irgendwie genoss ich vermutlich auch das selbstverliehene Prädikat der Unersetzbarkeit für viele Tätigkeiten und Prozesse.

Egal wer mich um etwas bat, gleich ob Kunde oder Kollege, ich sagte: „Ja, klar, mach ich!“ und musste dann natürlich auch erfüllen. Manches hab ich auch ganz freiwillig angeboten, damit das Ergebnis so war wie ich es wollte. Und auch wenn ich schon damals brav alle meine Termine und Aufgaben in einen digitalen Kalender pinnte: irgendwann war der voll. Als die Einträge begannen sich zu überschneiden, sah ich nur einen Weg und verkürzte einfach die Zeiten für die Bearbeitung, reduzierte allerdings nicht den Anspruch an die Ergebnisqualität.

Anfangs hab ich es ganz gut weggesteckt, die Sonne nur vom Schreibtisch aus zu sehen: Mit der Option auf einen Monat Urlaub im Sommer. Immer, wenn ich in der Vergangenheit zu oft ‚ja‘ zu etwas gesagt hatte und mein Umfeld damit selbst dazu erzogen hatte über mich zu verfügen, war eine Auszeit mein ultimativer Königsweg. Vieles reguliert sich ganz von allein wenn man einfach mal weg ist und die Leben trotzdem weitergehen. Auf beiden Seiten.

Die Auszeit hatte ich auch, nur lief in den vier Wochen im Sommer nahezu alles anders als geplant. Oder vielleicht auch nur anders als erwartet, erwünscht und erhofft. Zagreb war heiß, laut und umtriebig – Schweden war unsympathisch kalt, verregnet und ich war krank. Nach dem Urlaub war ich fast genauso kaputt wie vorher – und noch gefrustet und enttäuscht dazu. Und das, obwohl es auch sehr viele sehr schöne Momente in diesen Wochen gab. Wahrscheinlich habe ich auch ein paar der besonderen Augenblicke gar nicht wahrgenommen. Und das bestimmt nicht nur im Urlaub, sondern auch danach. Home in Hürth ging die Arbeit einfach weiter. Und entweder wurde sie mehr oder ich wurde schlapper. Wahrscheinlich war es beides.

Um das Ganze abzukürzen: Der Sommer ist vorbei und meine Welt ist klein geworden in diesem Jahr. Gedanklich bin ich in den letzten Wochen kaum noch aus meinen Arbeitsprozessen rausgekommen. Körperlich hänge ich am Schreibtisch fest. Alles drehte sich um Dinge, die sofort oder in ein paar Tagen erledigt werden müssen. Dauernd kam Arbeit nach und ich wurde einfach nie fertig. Und wenn ich eine halbe Stunde am Tag vor die Tür kam, guckte ich triebhaft alle paar Minuten aufs Handy, rief Mails ab, checkte WhatsApp oder Facebook.

Mit der Option auf die nächste Auszeit, habe ich mir mit offenen Augen dabei zugesehen, wie ich mich in die Lage habe kommen lassen, aus denen ich vielen meiner Klienten heraushelfe. Dazu haben sich noch ein paar schlechte Gewohnheiten wieder eingeschlichen und ich bin mit mir selbst nicht mehr im Lot. Es nervt mich total, wider besseren Wissens zu handeln und irgendwie nicht aus der Nummer rauszukommen.

In den letzten Wochen habe ich viel zu viel Zeit damit verbracht, unzufrieden zu sein anstatt einfach zu Verändern. In diesem ganzen Kuddelmuddel aus Dingen, die getan werden müssen und Gedanken daran, was ich gerne tun würde, habe ich mich in ein Patt manövriert. Handlung trotz Stillstand. Immer erst noch irgendwas erledigen, bevor es schon besser werden wird. Absoluter Bullshit.

Vor einiger Zeit sagte ein schlauer Mann zu mir:

Der Wegweiser weist den Weg, aber er folgt ihm nicht.

Soweit, so gut – das ist aber nicht meins. Ich fühle mich ohne meine Authentizität nicht wohl, egal wie wenig andere davon mitbekommen. Kurzum: Ich muss hier raus.

Ich wollte in meinem Leben immer schonmal eine Backpacking-Tour machen. Mit wenig Gepäck in ein fernes Land, nicht in ein Hotel sondern unter Menschen. In die Natur und ohne viel Klimbim. Eine Hütte am Strand. Weil ich Flugreisen im Allgemeinen doof und unnütz finde (und natürlich weil ich vor einem eventuellen Urlaub immer noch irgendwas megawichtiges zu erledigen hatte), habe ich mir das Vorhaben lange verkniffen.

Am 3. Oktober wollte auch ich mit mir wieder eins werden und habe mir einen freien Tag verordnet. Den Ersten seit den Sommerferien. Ich war morgens trainieren und wusste dann stundenlang nichts mit mir anzufangen. Zuerst war ich gnarzig, dann fand ich meine Situation plötzlich ziemlich beängstigend und bedrückend. Und mir war klar, dass genau jetzt die Zeit für Veränderung ist. Nach dem vielen Regen in Schweden wollte ich Sonne. Ich habe angefangen, ein paar Reiseblogs zu lesen. Und dann habe ich gehandelt. Flüge gebucht. Unterkunft gesucht. Begeisterung gespürt. Da war genau die Energie für die Zielgerade, die ich gebraucht habe.

Am 28. geht es los. Wie lange weiß ich noch nicht. Drei Wochen sind das Mindeste, vielleicht werden es auch fünf oder sechs. Ohne Koffer, nur mit einem Rucksack als Handgepäck. Vielleicht sollte man, wenn es einem zu viel wird einfach mal gehen und dann auch weniger mitnehmen. So denke ich mir das zumindest. Was aber tun im fernen Land? Auf dem Weg von Insel zu Insel? In der Hütte am Strand? Im weißen Sand?

Einfach Urlaub machen? Medienfreie Zeiten genießen? Kein Notebook, kein Internet, kein Telefon? Noch nicht mal ein Ladekabel? Holy Shit!

This sounds sexy! Aber danach zurück und alles wieder so machen wie vorher? Bis zur nächsten Zwangspause? Never!!

Ich habe mir fürs nächste Jahr vorgenommen, mindestens drei Monate, besser sechs an schönen Orten und damit Out-of-Hürth zu verbringen. Raus aus Ritualen und Gewohnheiten! Mein Business soll mobiler werden und ich möchte teilweise ortsunabhängig arbeiten. eat better soll mit mir die Welt erkunden. Ich plane ganz sicher nicht den Weg ins digitale Nomadentum (ein Unwort), aber ich will ein Teilzeit-Vagabund sein 😉

Gleichzeitig habe ich Lust darauf, endlich die Texte zu schreiben, für die ich mehr Zeit und Raum brauche als für ein Rezept. Texte, die mir am Herzen liegen, mit Themen für die ich brenne. Genau die Texte, die in den letzten Monaten als drängelnde Ideen mit ‚ToDo-Status‘ in Evernote vergammelt sind. Lust darauf hat mir ein kurzer Trip nach Belgien gemacht.

Aus dem geplanten Miniurlaub wurde ein spannender Mix aus fokussierter, hochproduktiver Arbeit im dafür (ungeplant) perfekten Umfeld. Dazu hatte ich Lust, dieses Umfeld zu erkunden. Genau dieser Trieb hat für eine automatische und gesunde Regulation der Stunden des Tages gesorgt. Wenn ich das Notebook zugeklappt habe, hatte ich kein schlechtes Gewissen – ich hatte Spaß. Das hat mich angefixt.

Macht es also wirklich Sinn, nur mit einem Notizbuch im Rucksack aufzubrechen? Ist die Zeit nicht vielmehr eine Chance, die richtige digitale Dosis zum finden? Zu probieren, wie sich Arbeit und Freizeit abseits der heimischen Rituale miteinander verbinden lassen? Klar denke ich bei ‚kein Notebook, kein Handy‘ im ersten Moment an Ruhe und Freiheit. Aber: Ist es Freiheit, sich selbst die Optionen wegzunehmen? Oder bin ich frei, wenn ich entscheide was ich tue oder lasse?

Ich denke genau dann bin ich es. Nicht nur frei und orientierungslos getrieben, sondern frei und selbstbestimmt. Ich will nicht Zwangsabschalten, ich will das Richtige zur richtigen Zeit tun. Ich will lernen, mich selbst mindestens genau so wichtig zu nehmen wir meine Arbeit. Und ich will prüfen, welche Auswirkungen das Teilzeitvagabunentum auf meine laufenden Projekte hat. Nicht etwa, weil ich mein Leben weiter an meine Projekte anpassen möchte. Vielmehr weil ich Wege finden will, dass sich meine Projekte an mein Leben anpassen.

Also dann, wenn ihr wollt könnt ihr mitreisen 🙂

Bis hierhin gelesen? Gib mir einen Kommentar mit auf die Reise 🙂

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