TASTY: TERMITEN

Geschlechtsreife Termiten führen ein kurzes Leben. Zum Beginn der Regenzeit wird ein Teil des Termitenstaates flügge und zwar der, der die Chance hat, einen neuen Staat zu gründen. Als abertausende fliegende Auserwählte steigen aus dem warmen, nassen Boden auf und suchen das Licht.

Die Regenzeit beginnt in der Nacht vor meiner Abreise. Am Morgen kann man die Berge sehen und der Himmel ist von einem tiefen Blau. Die Luft ist klar und die Spüle unter der stets brennenden Neonröhre unserer Open-Air-Küche voll von Prinzen und Prinzessinnen, die es nicht daran vorbei geschafft haben. Im schläfrigen vorbeigehen erinnern mich die fast weißen Körper mit den riesigen Flügeln an verwehte Blüten. Und obwohl es windstill ist, sieht es so aus als würde ein leichter Wind durch die Blüten wehen.

Sammi, mein thailändischer Vermieter, hat schlecht geschlafen und sieht auch ein bisschen danach aus. Gähnend läuft er an der Spüle vorbei. Sieht den nicht ganz unbewegten Haufen. Bleibt stehen, gähnt erneut. Geht zum Herd, stellt einen Wok auf und knipst das Gas an. Schlurft zurück zur Spüle, lässt Wasser einlaufen.

Als der Wok heiß ist und zu qualmen beginnt fischt er einen großen Haufen Termiten aus dem Wasser, drückt ihn aus und schmeißt ihn in den Wok. Die Prozedur wiederholt sich, bis nur noch ein paar einzelne Flügel am Waschbeckenrand kleben.

Hey Sammi, what’s ya doing?
Andreeea! Found Termites! You can deepfry, they’re tasty!
Aha.

Es ist mein erstes Termitenfrühstück und ich bin angenehm überrascht. Auch wenn es mir eindeutig schwer fällt auszublenden, dass ich gerade gebratene Insekten esse, die noch ein paar Minuten vorher in unserem Waschbecken klebten, schmecken sie gut zum Kaffee, sogar ganz unerwartet
gut.

Mit der Aussicht auf sehr viel Regen und Gewitter am Abend beschließe ich, meinen Roller schon am Nachmittag in Chiang Mai abzugeben und die letzte Nacht in der Stadt zu schlafen. Am Abend trifft sich unsere Mae Ngat-Runde zum Farewell-Dinner von Sebastian und mir. Ein paar Tage vorher haben wir zusammen eine Nacht auf einem Floating Home verbracht, einer auf alten Plastefässern schwimmenden Bambushütte (natürlich mit angegliedertem Restaurant) mitten auf einem Stausee im Norden Chiang Mais. Dass dort Strom gewonnen wird wissen wir mittlerweile, aber ob Chaing Mai auch aus unserer algiggrünen Badewanne trinkt erfahren wir nicht.

Am Abend, auf dem Steg vor unserem schwimmenden Heim, kommen wir über universelle Werte und Prinzipien ins Gespräch. Essen und spielen ein bisschen, fast erleichtert dieses Thema nicht zu sehr vertiefen zu müssen. Nach ein paar verrätselten Stunden holt es uns aber doch wieder ein. Die Gefahren unseres Menschseins, der Menschheit, der Zukunft. Meine düstere Aussicht auf globale Ressourcenknappheit steht zwischen Hoffnung auf den menschlichen Erfindergeist und einem , was solls, der Planet geht eh vor die Hunde’. Mitten im Gespräch stelle ich fest, dass sich meine grundpositive Haltung in den letzten Monaten, der Zeit, während der ich nach jahrelanger Abstinenz wieder selektiv am medialen Leben teilgenommen habe, mit einem diffusen Erkenntnis-Pessimismus mischt, der sich hinter einer weltkritischen Fassade versteckt. Die Erkenntnis gefällt mir nicht und ich bin froh, dass wir kurz darauf zu Bett gehen.

Auf dem Rückflug beschließe ich, die Welt einfach wieder Welt sein zu lassen und meine Ressourcen zurück auf mein direktes Umfeld zu lenken. Aber, einmal drin im Wissen, fällt mir das auch heute, zwei Wochen nach meiner Reise, gar nicht so leicht.

Dass mein vegan-vegetarisches Experiment, in den letzten Tagen schon ein paar Mal leicht marodiert, beendet ist wird mir schlagartig klar, als der nette als Showgirl verkleidete Kellner im Hotel Shanghai Mansion in Bangkok mit sonor-verführerischer Stimme die Worte

Here is your porkbelly!

spricht. Vor mir parkt ein Teller chinesischen Schweinebauchs in einer dunklen, zimtigen Sauce. Ein Gedicht. Die Worte des Kellners machen mir allerdings ein schlechtes Gewissen, sowohl dem Schwein als auch meinem Bauch gegenüber.

Vegan macht schlank

ist auf jeden Fall eine Lüge. Die Abwesenheit sättigender, tierischer Erzeugnisse, kompensiert mit der reichlichen Zufuhr von Reis und süßem Obst hat meine Körperform wenig spektakulär unverändert gelassen. Dennoch hat mir das Essen im totalen Einklang mit meinen Werten gefallen und war von weit weniger Verzichtserleben geprägt als ich vorher vermutet habe. Heraus kommt der Plan 5 zu 2 – fünf Tage vegan auf zwei Tage mit Fisch und Fleisch. Zuhause ist Spargelzeit, das dürfte nicht schwerfallen.

Am letzten Tag vor dem Heimflug versuche ich im MBK Shopping-Center die letzten Bährte unters Volk zu bringen. Es will mir, auch nach drei Stunden auf sechs Etagen in Bangkoks unwestlichster Mall einfach nicht gelingen. Trotz motiviertem Antritt erweise sich meine Konsumresistenz zwischen all den bunten Dingen als hartnäckig. Ich widerstehe dem kurzen Impuls, mein defektes Telefon (hat noch Garantie) durch ein neues zu ersetzen und fahre nach kurzer Preisverhandlung Tuk-Tuk Richtung Chinatown. Ein völlig überschätztes Verkehrsmittel.

In Bangkoks erstem Kaufhaus, dem Nightingale Olympic ist die Zeit einfach stehengeblieben. Die Frage des Kaufs stellt sich bei in der Auslage von Waren, die seit der Eröffnung in den späten Siebzigern dort mit den Originalpreisen vor sich hin stauben nicht. Es ist ein echtes Erlebnis, erleichtert mich aber auch nicht um die drückende seelische Last, mein extra gebuchtes Gepäck für den Rückflug ungenutzt zu lassen.

Also mache ich noch einen abendlichen Spaziergang durch Chinatown, kaufe Trockenobst, geräucherte Ente, chinesischen Speck, Tee und frische Kokosnüsse um meine schlauerweise schon am Nachmittag prophylaktisch erworbene Reisetasche auszufüllen. Chinatown glänzt bei Nacht und heute schimmern die rot-gelben Leuchtreklamen zusätzlich in den Pfützen des frischen Regens. Es hat 37°C und ganz sicher nur knapp unter 100% Luftfeuchtigkeit.

Im Shanghai Mansion gibt es nur ganze Pekingenten. Ich bin zwar hungrig, aber einen kompletten Vogel bekomme vermutlich alleine nicht kleingekaut. Auf dem Rückweg zum Hotel laufe ich, beladen mit meinem Einkauf, an knallvollen Streetfoodständen vorbei. Ein besonders voller verkauft Ente mit brauner Sauce und Reis, daneben gibt es knusprigen Pork Belly, das Thema ist durch. Nach Einbruch der Dunkelheit verwandelt sich die Yaowarat-Road, die Chinatown horizontal durchschneidet, in einen riesigen Food-Markt.

Polizisten sperren auf jeder Seite eine der fünf Spuren ab, die dann zu einem breiten Gehsteig wird. Hungrig auf die knusprigen Vögel starrend sehe ich nur einen freien Platz, überlege noch, ob ich einfach weitergehe (dazusetzen ist nicht mein Ding) als mir ein Thailänder, der irgendwie gar nicht so thailändisch aussieht mit einer Flasche Chang zuprostet und mich an seinen Tisch winkt. Ricky kommt aus Bangkok, lebt in San Francisco und ist für ein paar Wochen in seiner Heimat im Urlaub. Während er warmes Chang schluckt und ich eine lahme Ente zerbeiße, die in brauner Sauce übrigens absolut nicht mehr knusprig ist, beginnt es wieder zu regnen. Unter dem großen Schirm tauschen wir uns, geschützt im trockenen über Klima und Abendessen in Asien, Nordamerika und Europa aus. Wir sprechen nur ein paar Minuten bevor der Regen aufhört, Ricky aufsteht, sein Chang und meine Ente bezahlt und als schwarzer Kopf zwischen den anderen verschwindet. Ich lächele, bleibe dankbar für diese Begegnung noch kurz sitzen, bevor ich ins Hotel auf der anderen Straßenseite zurückkehre.

Welcher Andreas bleibt hier und welcher reist wieder zurück nach Deutschland?

fragt mich Sebastian, als wir in großer Runde im Dash Teak House sitzend, als Appetizer aus einer von Sammies alten Plastedosen geröstete Termiten knabbern. Nur die knusprigen kleinen Körper, die Flügel macht man ab.

Etwas unter Zugzwang antworte ich, ertappe mich beim Ausschweifen und nutzte die Gelegenheit eher zum Dank für die gemeinsame Zeit als zur Antwort auf die Frage. Welcher Teil Andreas in Chiang Mai bleibt wäre eine interessante Frage an den Rest der Tischgemeinschaft gewesen, aber das fällt mir erst ein, als ich, beladen mit Chashew-Chicken und Mango Sticky Rice als einer der letzten in den Flieger Richtung Köln steige. Geht dieses Flugzeug doch tatsächlich eine halbe Stunde früher als ich dachte.

Über den Gang neben mir sehe ich jemanden zuerst eifrig an einem Businessplan schreiben und danach Tims Buch I love Mondays lesen. Später kommen Janet und ich ins Gespräch, stellen fest dass wir in ein paar Wochen gemeinsam estnischen Boden betreten werden. Obwohl Stunden in einem Flugzeug paradoxerweise eben nicht wie im Flug vergehen, beschleunigt unser Austausch die lange Reise erheblich. Während der Pilot langsam den Sinkflug einleitet döse ich für ein paar Minuten glücklich um alle Erlebnisse der letzten Wochen ein.

Heute, ein paar Tage nach meinem Geburtstag, heim in Hürth, fällt es mir leichter Bilanz zu ziehen und damit Sebastians Frage zu beantworten. Abgelegt habe ich den Wunsch des allein seins. Den Wunsch, meine Ruhe zum Arbeiten auch durch soziale Eigenisolation zu erzwingen. Nichts an dieser ganzen Reise war so wertvoll wie die gemeinsame Zeit im JungleHub, unsere gemeinsamen Kurztrips nach Mae Ngat, zu den Elefanten und ins abendliche Chiang Mai (das bei Dunkelheit viel schöner und entspannter ist). Dagelassen habe ich auch den Traum, dass sich an einem schönen Ort Arbeit und Freizeit ganz alleine reguliert. Bullshit, zumindest für einen fokussierten Menschen mit einem gebuchten Rückflugticket.

Ich wollte fertigwerden, mit dem, was ich zum Fertigmachen mitgenommen hatte. In Thailand bleibt meine Überlegung, ein paar Jahre des Lebens in den Aufbau eines Unternehmens in Köln zu investieren.

Mit mir kommt ein Flugticket Köln/Chiang Mai für Anfang Oktober und ein Langzeitmietvertrag für das Stilthouse. Und das Wissen, dass wir ein grandioses Unternehmen aufbauen werden, ohne dass ich Dauerpräsenz in Köln zeige. Direkt daneben kommt unser Konzept mit mir heim, das Werk meiner Reise. Begonnen, verworfen und nicht fertig aber dafür reif reist ein neues feel better in meinem digitalen Gepäck mit mir. Ich mag es, es fühlt sich richtig an. Genauso wie ich weiss, dass Elefantenrüssel sich exakt so lustig anfühlen wie sie aussehen.

Die Termiten bleiben bei Tim in Chiang Mai.

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