SAMUI, PHUKET, COLOGNE: THOSE WERE THE DAYS

Am letzten Abend meiner Reise esse ich in einem winzigen Lokal an einer vierspurigen Hauptstraße im Flughafenbezirk von Phuket ein wundervolles Yellow-Seafood-Curry. Der Laden ist gut besucht, allerdings nicht so voll, wie die Bude ein paar Meter weiter. Gut gebrieft wo es das beste Essen gibt will ich natürlich dahin.

Geh immer dahin, wo die meisten Locals in der Schlange stehen!

So der Rat einer guten Freundin, die ein paar Wochen mit einem Rucksack durch Südostasien gezogen ist. Ok, da bin ich nun und stehe davor. Voller gehts nicht mehr.

Und setz’ dich einfach dazu, Thais essen nie alleine!

Es ist kein Tisch frei, nur ein paar Hocker an Tischen mit essenden Familien und ein Platz an einem Zweiertisch, an dem eine junge Thailänderin langsam eine Tom Yum Suppe löffelt. Sie sieht nicht gerade so aus, als wäre sie erpicht auf Gesellschaft. ‚Setz‘ dich einfach dazu’ klingelt es anhaltend laut in meinem Kopf. ‚Thais essen nie alleine!‘

Und sie tun es doch! Ansonsten könnte dieses Mädchen da ja wohl kaum einsam ihr Süppchen löffeln! Ein anderer Tisch wird frei, belegt sich aber schon wieder mit einem dünnen Jüngling, bevor ich den ersten Schritt machen konnte. ‚Der isst wohl auch lieber alleine‘ denke ich mir und beschieße in ein paar Minuten wiederzukommen um zwischendurch nach einem anderen Laden Ausschau zu halten.


Auf der Straße gibt es unzählige Fressbuden, die meisten gähnend leer. Das ist keine Option. Nach fünf Minuten kehre ich zurück, die Situation ist unverändert. Noch ein paar Minuten gucke ich mir die Szene an und diskutiere heftig mit mir. Irgendwie bringe ich es aber nicht fertig, einen der beiden Alleinesser zu fragen, denke mir, dass das auch noch Zeit bis zum nächsten Urlaub hat und räume das Feld, als ein kühler Wind aufkommt.

Wind ist der verlässliche Vorbote des Regens, soviel habe ich gelernt. Ein Blick nach oben bestätigt mich. Ohne Jacke und hungrig sehe ich zu, dass ich Land gewinne und nehme den zweitvollsten Laden. Die kleinen Tische sind voll und die Hausherrin platziert mich etwas widerwillig alleine an einer leeren Familientafel. Als mein Yellow-Seafood-Curry auf stilvoll einem funktionalen Hartplastikteller anrollt und es zu regnen beginnt, betritt eine thailändische Familie den Laden. Sie gucken genauso hilflos, wie ich vor ein paar Minuten und sind kurz davor zu gehen, als ich winke und auf die leeren Plätze an meinem Tisch zeige.

Sie zögern, setzen sich dann aber dazu und wir kommen ins Gespräch. Ich frage nach dem vollen Laden. „Da ist es am billigsten, nur deshalb ist es da immer so voll. Am besten ist es hier!“ Glück gehabt.

Vor dem 7 Eleven stehen ein paar Buden, es wird fleissig und landestypisch in einem riesigen Wok auf offener Flamme frittiert. Beine, Flügel, Füße, Hälse und Haut, einfach nur die Entenhaut, in putzigen kleinen Kringeln. Ich gucke ein bisschen zu und kaufe was die Local kaufen: Haut. Ich bin satt von meinem Curry, aber das muss ich probieren. Einen Bissen später weiss ich warum hier bergeweise von dem knusprigen Zeug vernichtet wird. Glücklich erstehe ich noch ein bisschen Obst und bewundere die Präsentation von Fisch und Fleisch in einem kleinen Supermarkt.

Danach laufe ich ein paar Straßen weiter zu meinem Bungalow, der irgendwo zwischen einem Schrottplatz, einer mickrigen Bananenplantage, Kerosintanks und einer Autovermietung in einem sparsam beleuchteten Nichts liegt.

Wäre ich am Abend nach der Ankunft in dieser Nachbarschaft gewesen, hätte mir das vermutlich gar nicht gefallen. Getrieben von Sorge, erst in eine der schlammigen Pfützen geschubst und dann in zwischen den Bananenstauden meiner Habe beraubt zu werden, hätte ich mein Curry kaum genießen können, geschweige denn den knusprigen Entenhautsnack (den ich zu diesem Zeitpunkt auch ganz sicher nicht gekauft hätte).

Ich bin wirklich kein ängstlicher Mensch. Ich besitze keinen Brustbeutel, keine Gürteltasche und auch sonst keine Gadgets, mit denen Touristen auf Reisen ihre Habe und Identität am Körper sichern. Finde ich auch absolut sinnlos, da jedem diebisch ambitionierten Vollpfosten, gleich welcher Nation, doch sofort klar wird, dass es in dem, dem Träger klobig vorauseilenden Hüfttabernakel, doch ganz sicher was nettes zu holen gibt.

Und dennoch habe ich mich vor der Reise gefragt, wie gefährlich ein armes Land wie Thailand ist. Wie groß das Risiko ist, bestohlen oder betrogen zu werden. Habe mich mit einer zweiten Kreditkarte für den Fall der Fälle abgesichert und brav, wie überall empfohlen, zahlreiche Kopien meiner Zahlungsmittel und Ausweispapiere auf jedem nur erdenklichen Medium, inkl. Cloudspeicher gesichert. Nun war ich in keiner Touristenhochburg wie Pathong oder Chaweng Beach, in der bestimmt ab und an mal ‚was weg‘ kommt. Vermutlich genau wie eben am mallorquinen Ballermann oder in den Clubs und Etablissements auf den Partymeilen unserer Städte.

Dafür war ich in den thailändischen ‚Townships‘, den Hüttendörfern aus Wellblech und Schrott. Hier leben, zumindest auf Ko Samui diejenigen, die händisch aus dem großen Müllberg die Wertstoffe Plastik und Metall aussortieren und sonst irgendetwas verwertbares in den Abfällen der Insel suchen, bevor die Reste des touristischen Konsums im Inselinneren wild deponiert werden. Auch mitten im Dschungel oder hinter vielen der großen Ressorts finden sich diese Wellblechdörfer, ohne fließendes Wasser und ohne Elektrizität.

In bescheidener Präsenz offenbart sich der dramatische Unterschied zwischen denen, die mit viel Geld kommen und denen, die für wenig Geld hinter ihnen her räumen. Und ich möchte mal annehmen, dass es den Menschen in den touristisch erschlossenen Regionen Thailands nicht schlechter geht, als im landwirtschaftlich geprägten Norden. Und dennoch ist hier die Armut deutlich spürbar.

Aber vielleicht ist es gar keine Armut, sondern mehr die Abwesenheit von materiellem Reichtum, die sich dem westlichen Betrachter erst auf den zweiten oder dritten Blick offenbart. Heute schäme ich mich dafür, dass ich in den ersten Tagen meiner Reise dauernd um mich und meine Habe besorgt war. Nichts, wirklich nichts ist sinnloser in Thailand. Selbst wenn Armut in Thailand als äusserst unschicklich gilt, scheint der Weg, sich Reichtum von anderen zu nehmen für Thailänder keine Option zu sein. Auch in den blechernen Townships treffe ich auf freundliche Menschen, lasse meinen Schlüssel auf dem Roller stecken während ich zwischen ausgeschlachteten Fernsehern und Waschmaschinen esse und freue mich über geschenkte Früchte zum Abschied. Ich sitze für ein paar Augenblicke zwischen Familien, die sicher kein Geld, dafür aber Zeit haben. Zeit, um miteinander ein Leben zu bestreiten, dass so weit weg von unseren Standards ist, dass ich eine Zeit brauche, um zu akzeptieren, dass Zufriedenheit hier überhaupt existieren kann.

Und ich finde diese Zufriedenheit tatsächlich bemerkenswert. Thailand ist kein unwissendens Land weit hinter dem Mond. Auch wenn (anstößige) Teile des Internets zensiert sind, gibt es hier kaum eine Möglichkeit, einem freien WLAN und damit dem medialen Blick auf den Rest der Welt zu entgehen. Das lokale Fernsehen bringt es auf eine stattliche Anzahl bunter Kanäle, Smartphones gehören genau wie der Motorroller zur Grundausstattung in allen Altersgruppen. Kurzum: Thailänder wissen, dass es irgendwo weit weg von ihnen eine Welt voll Reichtum, Prunk und Glitzer gibt.

Ganz sicher ist auch hier niemand frei von Sorge und ich will weiß Gott nicht propagieren, dass wir alle besser in einer Blechhütte ohne Klo hausen sollten. Vielleicht können wir aber ein kleines Stück der Hingabe an den Augenblick und Gelassenheit mitnehmen, mit denen die Menschen hier durch ihr Leben gehen. Ein bisschen von ihrer Zufriedenheit, obwohl nicht alles perfekt ist. Und vielleicht eine kleine Ecke der Erkenntnis, dass das Leben ein Geschenk ist, dass den Freiraum bietet, darin glücklich zu sein – egal wie schwierig die Umstände auch sein mögen.

Als ich in Köln aus dem Flugzeug steige und mit meinen zehn Kilo Handgepäck als erster an acht ungläubig dreinschauenden Zollbeamten vorbei wieder an den Ort gelange, an dem ich vor etwas mehr als drei Wochen gestartet bin, fühle ich mich seltsam fremd. Es ist nicht nur jämmerlich kalt, es riecht auch anders, fühlt sich anders an.

Das alte Terminal 1 ist laut, hektisch und bis auf meine Mutter sehe ich nur Menschen mit gestressten oder teilnahmslosen Gesichtern.

Sie erwartet mich freudestrahlend vor der Flughafenapotheke, in der ich auf dem Hinweg noch schnell ein paar Ohrenpfröpfel erstanden habe und Erinnerungen an meine Gedanken vor dem Abflug werden wach. Es riecht nach Starbucks, Bäcker Kamps, Parfüm und altem Beton. Wir verlaufen uns auf der Suche nach dem Auto im Parkhaus und müssen durch ein stinkendes, vollgepisstes Treppenhaus. Auf der A4 ist Stau und kurz vor meinem Zuhause ist die Straße gesperrt. Obwohl Mama zwischendurch ordentlich aufs Gas tritt, brauchen wir fast eine Stunde für die dreißig Kilometer zwischen Flughafen und meiner Wohnung. Auch nicht schneller als in Thailand.

Auf der Fahrt bin ich noch ein bisschen benommen und erinnere mich an meine Pläne vor dem Abflug. Am besten verlängern, nach Ko Samui noch in den Norden reisen und nach einem Standort für einen Arbeitsplatz in der Sonne Ausschau halten. Der Gedanke, nicht zu wissen wie lange die Reise dauern wird war toll, bis TUIFly mir einen Strich durch die Rechnung gemacht hat; mein Rückflug war auch nach zähen Verhandlungen mit dem Servicecenter nicht umbuchbar. Erfahren habe ich das während meines zweiten Kochkurses auf Ko Lanta, also relativ weit am Anfang meiner Reise. Kurz habe ich in Erwägung gezogen, mir einfach einen neuen Flug zu buchen, war dann aber einfach zu sparsam.

Was ich anfangs ganz und gar nicht toll fand, stellte sich als mein Glück heraus: In dem Wissen, dass ich genau drei Wochen vor Ort habe, konnte ich mich ohne schlechtes Gewissen dem Müßiggang hingeben. Ohne Gedanken an einen erneuten Ortswechsel und die entsprechenden Suchen und Planungen dafür. Ohne das Wissen, dass nach der Freizeit noch Arbeit kommen würde. Und ohne all das, was ich mir an Aktivitäten für den Urlaub vorgenommen habe.

Weder habe ich mir ein Fahrrad gemietet um die Insel zu erkunden (ich hatte ja den Roller), noch war ich trainieren (die Hängematte war zu bequem). Ich habe keine organisierte Bootstour zu irgendeiner sagenhaften Insel gemacht (das Land war mir schon schön genug) und war auch nicht tauchen (meiner Meinung nach gehört der Mensch nicht unter Wasser). Ich wollte eine Reisetasche voll thailändischer Spezialitäten zusammenkaufen und komme mit weniger Gepäck zurück als ich mitgebracht habe. Ich habe so gut wie nichts gelesen und (wenn überhaupt) auch nur die Hälfte der Blogbeiträge geschrieben, die ich schreiben wollte. Die Planung meines nächsten Jahres habe ich auf die freien Tage Ende Januar verschoben. War ich jetzt einfach faul oder bin ich vielleicht tatsächlich zur Ruhe gekommen?

Während Dave und Rami die letzten Vorbereitungen für das Hyzenbrownie Open, die Discgolf-Meisterschaft in Laemsor Beach treffen, genieße ich ein paar wunderbar ereignislose Tage an verschiedenen Traumstränden, mit den Füßen im Wasser oder auf einer Massageliege am Strand. Mittlerweile bin ich schlauer und wähle die Massage mit Coconut Oil. Damit macht es wirklich Spass, sich zum Rauschen der Wellen die Zeugen der holprigen Straßen und der abgerockten Stoßdämpfer des Rollers aus dem Körper kneten zu lassen. Das Erlebnis ist wesentlich angenehmer als meine erste Thai-Massage mit der giftgrünen Ayurveda-Schmiere: Es klebt nicht und anstelle eines Odeurs irgendwo zwischen Hubbabubba und Persil riecht man bis zur nächsten Dusche naja, sagen wir mal, nussig-tropical.

Meine letzten Abende verbringe ich mit Rami, Pawn, Dave und einer finnischen Familie, die eigens für die Discgolf-Meisterschaft angereist ist. Sie laden mich dazu ein, sie zu besuchen und ‚for free‘ ihr Sommerhaus in der Mitte Finnlands zu benutzen. Und sie tun das so herzlich und überzeugend, dass ich ernsthaft daran glaube, dass sie es ernst meinen. Ich überlege, einen finnischen Sommer zu erleben. Ohne fließendes Wasser, dafür mit einem See und einem Boot vor der Haustür. Am letzten Tag vor meiner Abreise bricht nochmal ein Unwetter über Ko Samui herein, wie am Anfang meiner Reise stehen die Straßen unter Wasser und das Leben kommt zum erliegen. Das ‚Green Car‘ springt freundlicherweise dennoch an und Dave bringt mich fast pünktlich zum Flughafen für den ersten Teil meiner Rückreise, den Flug nach Phuket. Wir freuen und beide auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr, wenn das Baumhaus wetterfest ist.

Die kleine Propellermaschine ist voll mit ahnungslosen, leicht bekleideten Urlaubern, die entweder wortlos frieren oder sich in eilig von den Stewardessen ausgeteilte Decken einmummeln. Aus der Vogelperspektive sehe ich nochmal weiße Strände, azurblaues Wasser, das satte Grün des Dschungels und bin stillschweigend dankbar dafür, dass ich auf diesem wunderschönen Planeten leben darf. Hier gibt es mehr, als ich in meiner Lebenszeit noch entdecken und erleben kann. Für einen kurzen Moment bin ich traurig, dass ich nicht schon früher mit dem einfachen Reisen und Leben begonnen habe. Dann wird mir schlagartig klar, dass meine Möglichkeiten nur von meinem Mut und Willen begrenzt werden. Das ist handhabbar. Glücklich lehne ich mich an meine unterkühlte Kopfstütze und weiß, dass meine Reise durch wunderbare Erlebnisse gerade erst anfängt. Lächelnd gehe ich meine nächsten Ziele durch.

Meine Pläne, spätestens ab Mitte Juni für ein paar Wochen von Thailand aus zu arbeiten, sind stabil geworden. Ganz sicher aber nicht in einer touristisch geprägten Region wie Phuket, Ko Samui oder Ko Lanta, hierfür zieht es mich tiefer in den Dschungel, in die Region irgendwo nördlich von Bangkok. Ich beschließe, vor meinem nächsten Besuch ein paar Brocken Thai zu lernen. Nur, um die allgegenwärtige Freundlichkeit angemessen zurückgeben zu können und, um mich bei den ‚no peatuts please‘ Bestellungen sicher verstanden zu fühlen. Wahrscheinlich wird es ein Randbezirk von Chiang Mai werden, einer Stadt mitten im Regenwald, zwischen den Grenzen von Myanmar und Laos. Finnland kann warten.

Auf dem Rückflug treffe ich Jürgen aus Wuppertal. Wir teilen uns eine Mittelreihe. Er war drei Monate auf den Philippinen, auf Kuba und in Thailand unterwegs und hat mächtig Party gemacht. Seine Geschichte ist lustig und er erzählt sie mir ungefragt und ausführlich.

Unmittelbar danach schläft er ein und erstarrt für die folgenden zwölf Stunden, ohne zu essen, zu trinken, aufs Klo zu gehen oder sich irgendwie zu bewegen. Respekt.

Ich schlage die Zeit mühevoll mit einem Buch und Pawns Essen in Tupperdosen tot.

Am Tag nach meiner Rückkehr werde ich um drei Uhr wach und bleibe im Bett liegen bis sich die Sonne mühevoll an den blassblauen Himmel schleppt. Das Thermometer kündigt mir minus sechs Grad an und die offene Balkontür bestätigt das. Hürth ist ein Teil der Reise.

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