LAZY LANTA: LIVIN’ MUCHU

Um 13.30 geht meine Fähre nach Ko Lanta. Mehrfach wird mir mit einem „SiiiFeeeriigoos intiiime!“ von dem nett lächelnden Mann in seinem durchgesägten Auto eingeschärft, unbedingt pünktlich am Rassada Pier zu sein. Ich verwerfe also kurzerhand den Plan, die knapp vier Kilometer vom Hotel aus zu Fuß zu gehen und bestelle mir für 12.30 ein Taxi, was das Lächeln des Mahnenden nochmals intensiviert.

Um zwanzignachzwölf sitze ich pflichtbewußt und gepackt auf den breiten Betonstufen vor der Eingangstür des Hotels und stelle mich auf den wahrscheinlich in Form eines Toyota Camry nahenden Klimaschock ein. Alles über 12 Grad scheint in Thailand eine Beleidigung des Fahrgastes zu sein, quasi ein fehlender Respekt vor dem naturgegebenen Kältebedürfnis des Reisenden. Also laufen alle Airconditions prinzipiell auf Anschlag, damit man es auch immer und überall schön kalt hat.

Um 12.37 werde ich langsam nervös, cause of siii Feeeriigoos intiime! The Taxi nimmt das wohl nicht so genau. Wahrscheinlich verkauft mein Fahrer gerade irgendwem einen ganz einzigartigen Ausflug und kann natürlich nicht mittendrin einfach abhauen. „Waaant Motooobeiketaaaxiii?“ und das Geräusch eines langsam im Standgas an mir vorbeituckernden Mopeds unterbrechen meine Fragen danach, was wohl alles durch die atemberaubende Verkabelung über mir fließt. Neben mir steht die Inkarnation dessen, wovor alle Reiseführer eindringlich warnen. Gelb, alt, knatternd, unbehelmt.

Woran zur Hölle halte ich mich hier fest? Schlinge ich meine Arme um den Bauch des dünnen Mannes? Vorsichtig greife ich zwischen Rippen und Hüfte an meinen Chauffeur und ziehe sofort meine Hände zurück. Das fühlt sich ganz und gar nicht nicht ‚Thai-usual’ an und als ich, während ich bereits Beschleunigung spüre, hinter mich greife um nicht nach hinten zu fallen, ertaste ich einen Haltebügel direkt hinter dem Sitz. Wie dafür gemacht.

Wir schlängeln und durch Phukets Verkehr. Mittendrin ist das Geschehen plötzlich überhaupt nicht mehr hektisch, knäulig und chaotisch. Logisch und geschmeidig füllt sich jeder Platz auf dem Asphalt mir dem, der gerade da ist – und nicht mit dem der glaubt, er habe das Recht da zu sein.

Der warme Fahrtwind bläst die letzten Angst nach ein paar Sekunden aus meinem Kopf und macht Platz für den Spaß an diesem urbanen Flow. Im riesengroßen Nimit Traffic Circle lassen wir die Stadt hinter uns und gleiten vorbei an Gemüsemärkten, Street Food Ständen und Vorstandhäusern in Richtung Hafen. Keine 10 Minuten, nachdem die alte Suzuki unter der zusätzlichen Last von mir, meinem Rucksack und dem Drypack voll Wasserflaschen vor dem Hotel Quip in die Knie gegangen ist, zahle ich 100 Baht und sehe zum ersten Mal in das Gesicht meines Chauffeurs. Er lacht genau so wie ich und weist mir den Weg in Richtung Schiff. Die Andaman Wavemaster sticht gegen halb drei,  eine Stunde nach Plan, in See.

Fünf Stunden und zwei Fähren voll lauten, rotglänzenden, trunkenen Europäern später, bekomme ich auf dem Weg zum MuChuHouse auf Ko Lanta doch noch meine Fahrt im Fridge. Bird (ja, er heißt Bird), bei dessen Vater ich selben Abend Gemüse, Kokosmilch (natürlich AROY-D 😉 und einen Block tiefgekühltes Hühnchen kaufe, ist der Sohn des Lebensmittelhändlers im alten Teil der Insel. Family Business. Als wir vom Anleger zum Parkplatz schlendern, zeigt er auf einen etwas in die Jahre gekommenen Jeep und lächelt mich mit einem so glücklichen „Aiiircondischn“ an, dass ich ihm die Freude einfach nicht vermiesen möchte. Ich nehme mein vermutlich irgendwo im thailändischen Grundgesetz verankertes Recht auf ein maximal heruntergekühltes Transportmittel schweigend in Anspruch und liege abends mit verstopfter Nase im Bett.

Unter mir spülen die Wellen um muschelbekleidete Stützen, auf denen eine verwitterte Hütte steht. Bleiches Holz und verschiedene Wellblechsorten ruhen auf dünnen Betonpfeilern zwischen ihresgleichen im Meer. Zumindest wenn das Wasser da ist – und das ist es immer am Mittag und um Mitternacht. Dann spült es mit einigem Getöse alles weg, was die Pfahlbauten unter sich verlieren und die Bewohner herunterwerfen.

„Throw plastic in the bin and give organics to the sea“ instruiert mich Maayan, meine holländische Vermieterin, die mit ihrem Mann und ihrer Tochter Mieni seit ein paar Jahren auf Ko Lanta lebt. Während wir am frühen Abend bei Ebbe auf den dünnen Brettern über dem schlammigen Boden sitzen und den Geckos dabei zusehen, wie sie im Schlamm bei Ebbe Moskitos und wer weiß was noch fangen, kommen wir über meine Reisepläne ins Gespräch. Ich erzähle, dass ich nichts vorhabe.

Nichts, ausser eben hier sein.

„Das ist selten, die meisten Besucher sind entweder ständig auf der Suche nach Party oder machen in sechs Tagen sieben Longtail Bootstouren um irgendwelche Inseln herum“ erklärt mir Mayaan. Mon, Mayaans Mann hat eine kleine Kochschule neben dem neuen Guesthouse, dass die beiden vor ein paar Monate eröffnet haben. Es ist ausgebucht. Da meine französischen Mitbewohner, Emilien und seine stille Frau, deren Namen ich mir über den ganzen Aufenthalt nicht merken kann, für den nächsten Tag zum kochen angemeldet sind, komme ich kurzerhand mit.

Kochen im Freien ist für mich immer ein ultimatives Erlebnis. Ich liebe es. Zwar kann man in der landseitig gelegenen Kochschule nicht einfach alles über Bord werfen, dafür sind zwei alte Damen so sehr um Sauberkeit bemüht, dass es mir nach dem zweiten Gang unangenehm wird. Ich versuche mich mit einer frisch gemachten Frühlingsrolle zu bedanken, was mir aber nicht gelingt. Sie lächeln und verneigen sich, bleiben aber wie angewurzelt neben der Spüle stehen.

Emilien und seine Frau haben Tom Kah Suppe, Squid-Curry-Stir-Fry und Springrolls (Rezepte folgen) ausgesucht, stolze Repräsentanten der thailändischen Küche. Von Mon lerne ich, wie man einen Squid (kleiner Tintenfisch) von seinem Tintensack befreit, das kräftige kleine Beißwerkzeug und das plastikartike Rückgrat auslöst. Und dass die Augen dranbleiben. Es sind große Augen für so ein kleines Tier.

Die Augen werden gegessen! Ende der Diskussion.

Bei den Garnelen für die Tom Kah Suppe ist das anders. Garnelenaugen schmecken wohl nicht und werden zusammen mit der spitzen Nase abgeschnitten. Der Rest vom Kopf bleibt dran und ist, tatsächlich, das leckerste am ganzen Tier. Ansonsten ist die Suppe ein ziemlicher ‚Lazy Dish‘. Endlich erschließt sich mir, welchen Sinn die meiner bisherigen Meinung nach völlig überdimensionierten Messer in der asiatischen Küche haben: man kann ganz hervorragend alles was man in die Finger bekommt damit klein kloppen. Knoblauch, Zwiebel, Chilischote – einfach draufgehauen, maximal noch grob gehackt und ab in den Wok. Zitronengras und Sellerie in feine Ringe schneiden? Warum? „You will feel the structure of it with every bite!“ meint Mon.

Ich bin skeptisch, hat mir nicht der heilige Johann Lafer eindringlich auf allen Kanälen und seit frühster Jugend eingeschärft, dass Knoblauch in Nano-Würfel geschnitten und nicht zerdrückt wird? Weil er sonst nicht mehr schmeckt? Und das Zwiebeln, Kräuter und Würzgemüse am besten mit einem winzigen Küchenmesser zu Pulverstaub verarbeitet werden müssen?

Neben mir steht ein grinsender, schwitzender Mon, genüßlich an einer Pulle LEO Bier nippend, der mir nebenbei erklärt, dass er momentan wegen ‚the Belly‘ keine Fritten mehr isst. Johann nicht in Sicht. Ko Lanta ist nicht die Stromburg und hier kommt Cooking-Oil (gelb, keine weitere Spezifikation) in den Aluwok, darüber wird gar nicht diskutiert („You can use it for everything!“). Im ganzen Trubel vergesse ich, nach seiner Meinung zu Kokosfett zu fragen.

Grobe Thai-Küche macht Spaß. Die Zutaten in der richtigen Reihenfolge und nur kurz in den Wok – minimaler Aufwand, maximaler Geschmack. Es ist gar nicht nur die Struktur, es sind die verschiedenen Geschmäcker, die in einem einzigen Bissen klar voneinander zu trennen sind. Während wir Europäer uns oft mittels pürieren und langem Kochen mühen, dass die Aromen homogen werden und eine Sauce eben nur nach Sauce und jedes Stück Gulasch wie das andere schmeckt bleiben in der thailändischen Küche die Geschmäcker jeder Zutat erhalten.

Jeder Biss ist ein Feuerwerk mit vielen bunten Farben.

Während ich eine orangene Chilischote unter meinem Messer zum platzen bringe lerne ich, dass nicht die roten, sondern die orangenen Schoten die schärfsten sind. HmmHm. Meine Tom Kah Suppe macht mir das ein paar Minuten später anschaulich klar. Mon und eine dahergelaufene Chinesin aus dem Guesthouse finden sie perfekt, ich neutralisiere unter Tränen mit Reis.

Nicht alles was in Mons Wok gelandet ist würde auch in meinem heimischen Topf landen. Oyster-Sauce, die allgegenwärtige braune Sauce aus vergammeltem Fisch und eine mystisch-rote Thai-Currypaste laden mich dazu ein, nach den ursprünglichen Rezepten und Zubereitungsweisen zu suchen. Also dann.

Abends esse ich mit den Franzosen ein grünes Thaicurry à la eat better mit den Resten aus unserem Kühlschrank und dem tiefgekühlten Hühnerblock. Wir rätseln über die Stabilität der thailändischen Kühlkette und beschließen, dass uns die Details, vermutlich genau wie allen anderen, egal sind. Gegen zehn verabschieden wir uns und ich finde es lustig, schon sechs Stunden früher meine Neujahrsgrüße zu versenden. Den Jahreswechsel begehe ich mit Blick auf die Wellen zusammen mit einer zufällig anwesenden Katze und einer Kokosnuss.

Der kleine Markt in Ko Lanta findet nur einmal im Monat statt. Immer am ersten Sonntag von 7 bis 9 und auch an Neujahr. Danach ist alles ver- und eingekauft und spätestens um 11 erinnert auf dem Platz unter dem Denkmal des Königs nichts ausser dem Geruch des Fischstandes an die Stunden davor. Trotz aller Geschäftigkeit geht es ziemlich gelassen zu und um kurz nach sieben bin ich einer der wenigen Touristen.

Bei den Preisen habe ich fast ein schlechtes Gewissen zu feilschen, denke aber an die Ratschläge aus meinem Reiseführers und meinen Vorsatz, jeden Tag mit etwas zu beginnen, das ich unbequem finde. Ich erhandele mir allerlei Dinge, die ich nicht kenne und kaufe zur Sicherheit noch ein paar Bananen und eine Ananas. Da die Franzosen an ihrem letzten Abend auswärts essen, habe ich für knapp 10 € genug für die nächsten Tage.

Beim Spaziergang durch die kaum 100 Meter lange Hauptstraße kommt mir Bird entgegen. Ich frage ihn, ob er mich mit seinem Jeep am nächsten Tag zu meiner neuen Unterkunft bringen kann. Wir vereinbaren die Zeit, schnacken ein bisschen und Bird macht mir klar, dass eine Thai Massage jetzt genau das richtige für mich ist. Ich habe nichts vor und nicke. Fünf Minuten später steige ich keine 80 Meter die Straße runter und durch Unterkühlung in der schwülwarmen Luft vermutlich dampfend, vor einem Thai Massage Studio aus seinem Auto.

Obwohl ich schon selbst auf dem vorab erklärten Weg (geradeaus und am großen Haus links) war, hat er mich nach ungefähr 30 Metern mit seinem Auto eingesammelt. „Andreeeaa jaaampiiin!“ Wahrscheinlich wollte er einfach nur sichergehen, dass ich es mir nicht anders überlege und hat mich für den Transport vorübergehend schockgefrostet. Family Business.

Ich frage mich, ob meine Masseurin vielleicht seine Tante ist. Sie ist eine nette, kräftige Frau und empfiehlt mir eine Ayurveda-Massage. „Guddwiiisanbööörn!“ Ich habe zwar keinen Sonnenbrand, aber Ayurveda klingt allgemein gesund und ich willige ein. Was aus einer Thai-Massage eine Ayurveda-Massage macht, ist die grüne, klebrige Schmiere, mit der sie nach und nach meinen ganzen Körper überzieht. Sie kühlt die Haut, zugegeben. Der Effekt hält allerdings nur wenige Sekunden; nämlich genau solange, bis die festen, geschmeidigen Bewegungen der massierenden Tante in der trocknenden Schmiere gebremst werden und Reibungswärme erzeugen.

Ich liege unter einem Blechdach in einem wandlosen Pavillon auf am Rande des Ortes. Neben mir wird eine ältere Engländerin von einer noch älteren Thailänderin massiert. Birds Oma? Ab und an wechseln die zwei Masseurinnen ein paar Worte. Irgendwo hängt so ein Bimmelding, das im Wind diese beruhigenden, typisch-asiatischen Bimmelgeräusche macht. Die Engländerin pupst ab und zu ein bisschen und die Masseurinnen lachen dann. Meine durchgewalkten Waden schmerzen bis tief in die Nacht.

Am nächsten Morgen werde ich um vier Uhr wach und stelle dadurch fest, dass ich in angekommen bin. Bei einem thailändischen Nescafé (schlimm) erlebe ich einen wunderschönen Sonnenaufgang. Dieser Ort, das ganze Umfeld und die Art hier zu leben üben eine fast unbeschreibliche Magie auf mich aus. Sonne, Regen, Wind – alle Witterungen faszinieren hier, weil sie hier nicht lästig sind, sondern einfach hergehören. Genauso wie die knatternden Motoren der Fischerboote. Ebbe und Flut geben dem Leben einen natürlichen Flow und einen ganz sanften Rhythmus, in dem ich gerne noch länger mitgeschwungen wäre. Und das Haus auf den Wellen zeigt mit seiner bescheidenen Einfachheit auf eine ganz leise Art, wie wenig mehr nicht sein könnte.

„Jetzt ist Hauptsaison“ sagt Maayan
„Dafür ist es aber ruhig!“
„Jetzt ist es ruhig, aber zwischen Mai und Oktober ist es ganz ruhig.“

Klimaanlage Thailand

Für optimale Kälteergebnisse: Anschlag + Umluft wählen 🙂

Am Mittag holt mich ein Freund von Bird am MuChu-House ab, um mich auf die andere Seite der Insel zu bringen. Er hat Schnupfen.

Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2 meiner Reiseberichte 🙂

Wenn du im Muchu-House wohnen möchtest findest du hier das Inserat. Und hier gibts einen kleinen Air BnB Gutschein für deine erste Buchung gleich mit dazu!

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