MAE WAT: IM REICH DES RÜSSELS

Elefanten. Endlich. Kurz vor dem Ende meiner Reise rollern wir aus der Stadt heraus in die Berge. Seitdem ich ein Kind bin, wollte ich einen Elefanten anfassen. Faszinierende Wesen. Vor allem dieser Rüssel, wie auch immer der an dieses Tier
drangekommen sein mag. Bis heute ist mir nicht klar, warum der Rüssel als multifunktionale Dritter-Arm-und-Nasenform sich in der Evolution nicht durchsetzen konnte. Und warum die vermeintliche Krone der Schöpfung, der Mensch immer noch ohne durchs Leben gehen muss.

Sobald wir die Stadt verlassen verändert sich die Luft. Wikipedia tut für Chiang Mai 148.000 Einwohner kund. Ich hatte mit einer Stadt in den Dimensionen von Neuss, meiner Heimatstadt gerechnet. Auf dem Weg vom Flughafen frage ich Mister Glid, wie so eine kleine Stadt an so einen großen Flughafen kommt.

Smaaaall? We have 2 Million people living here!

Ist ja auch die zweitgrößte Stadt Thailands. Aha. Auch wenn da vermutlich das Umland, in dem nix los ist, mit eingerechnet ist, trifft Mister Glids Zahl eher mein Gefühl als Wikipedia. Chiang Mai ist groß, verdammt groß und während auf Ko Lanta und Ko Samui alles relativ beschaulich zuging, pulsiert es hier. Zumindest bis Mitternacht, dann ist Sperrstunde.

Einkaufen in Chiang MaiAm ersten Tag miete ich den für die täglichen Einkäufe unverzichtbaren Roller und erfahre dreißig Minuten später in einer Verkehrskontrolle von einem freundlichen Schutzmann, dass man in Thailand sehr wohl einen Führerschein braucht. Auch für einen Roller. Die Erkenntnis kostet mich umgerechnet acht (!) Euro, darin enthalten ein Zettel, auf dem steht, dass ich in den kommenden drei Tagen auch ohne Führerschein fahren darf. Ich kalkuliere kurz, wie dies mein Mobilitätsbudget in den kommenden vier Wochen beeinflussen könnte und beschließe, dass die Sonderausgabe vertretbar ist.

Dennoch spüre ich in den ersten Tagen jedesmal wenn ich eine Trillerpfeife höre eine leichte Gänsehaut. Polizisten am Straßenrand bescheren mir einen satten Adrenalinstoß. Sie stehen gerne an Straßenrändern hier, diese Polizisten. Manchmal, wenn sie einen LKW in den fließenden Verkehr winken, trillern sie dazu. Nur in Mae Wat, neben Elefanten, sind sie ganz entspannt.

In der zweiten Woche, mittlerweile fahre ich fast nur noch über Nebenstraßen, erwischt es mich nochmal. Diesmal kostet es 10 Euro, es gibt keinen Zettel und das Geschäft wird nicht nur sprichwörtlich unter der Hand abgewickelt.

Noooliiicens? Fiiiieehunred Baaaht!
Okeeee.

Noch nie habe ich einen Staatsbeamten so unverhohlen Geld in seine Tasche stecken sehen. Mit einem „Go! Go! Go!“ werde ich aufgefordert, die Szene zu verlassen und lache, zügig beschleunigend, laut und herzlich.

Dass hier in Sachen Fahrerlaubnis alles etwas lockerer läuft fällt im Verkehr auch deutlich auf. Der thailändische Führerschein ist, übrigens auch für Ausländer, an einem Tag zu erwerben. Keine Fahrstunden, für die praktische Prüfung kurvt man um ein paar Pylonen und setzt dann seinen Fuss an einem Stoppschild ab. Plus vierzig Fragen, die online einsehbar und mit überschaubarem Aufwand erlernbar sind.

Nun haben die sechs Millionen Einwohner von Chiang Mai diese Fragen offenbar auch richtig beantwortet und sind aus lauter Freude darüber jeden Tag zeitgleich auf ihren Rollern unterwegs. Dabei geht es lange nicht so gemächlich zu, wie auf den Inseln im Süden. Aber auch hier gibt es einen urbanen Flow und trotz kontinuierlicher Missachtung aller erdenklichen Verkehrsregeln habe ich hier nicht einen einzigen Unfall gesehen.

Allerdings produziert dieses Volumen überwiegend unkatalysierten Verkehrs eine ganze Menge Dreck. Der Feinstaubindikator auf aqicn.org zeigt schon seit Wochen beständig die rote Flagge und das Wort Unhealty.

Seit ein paar Monaten ist Burning Season in Chiang Mai und im ganzen Norden Thailands. Google schreibt, abgeerntete Reisfelder werden hier traditionell abgebrannt. Das führt dazu, dass die Berge, die Chiang Mai umgeben an den meisten Tagen kaum zu sehen sind und des sich anfühlt als wäre man in einer unendlichen Ebene. Nach gut drei Wochen und knapp tausend Kilometern auf dem Roller über Land habe hier genauso viele brennende Reisfelder wie Unfälle gesehen und frage mich, wo all der feine Staub so herkommt.

In den vergangenen Wochen lief mein Experiment ‚Arbeiten an inspirierenden Orten‘. Ich wollte herausfinden, ob eine schöne Umgebung meine Work/Life-Balance automatisch reguliert, wie es ist nicht direkt erreichbar zu sein und wie ich mich arbeitend unter anderen Menschen in Coworking-Spaces fühle.

Chiang Mai, mein Stelzenhaus im Grünen – inspirierend, ohne Frage. Der Abstand zu Hürth lässt den Alltag schnell in den Hintergrund treten. Mein E-Mail Autoresponder, der freundlich und bestimmt kundtut, dass Mails nur noch zweimal pro Woche beantwortet werden und ich ansonsten nicht erreichbar bin funktioniert hervorragend – mittlerweile habe ich mich sogar dazu diszipliniert, tatsächlich nur noch zweimal pro Woche das Postfach aufzumachen. Naja fast. Dennoch ist es ein sehr angenehmes Gefühl, zu wissen, dass niemand mit einer sofortigen Antwort rechnet. Das bleibt so.

Coachings via Skype? Wesentlich angenehmer als gedacht. Kein Hindernis, eher ein Geschäftsmodell. In der Ferne, abgeschottet und dadurch entstresst an einem Projekt arbeiten: ein Traum! In Sachen Produktivität kaum zu überbieten, auch wenn es bei knapp 40°C ab und an schonmal eine Stunde neben einer Aircon braucht, um das überhitzte Gehirn wieder auf europäische Betriebstemperatur zu regulieren. In den ersten Tagen, im Dschungel abseits von Menschen knüppele ich in völliger Ruhe Unmengen Text in mein Endgerät und freue mich auf eine zeitige Fertigstellung des Businessplans. Urlaub naht.

Dann beginne ich nach einem BBQ im JungleHub, dem Coworking-Space des CitizenCircle zu arbeiten. Ich treffe auf Menschen, mit denen ich in den Pausen über mein Vorhaben ins plaudern komme. An dem Punkt, an dem ich mich selbst frage, wer diese Tonnen von Text überhaupt lesen will und wohin das Ganze führt, treffe ich in einem Gespräch die Entscheidung von vorne anzufangen. Mit einer anderen Struktur und mit anderen Werkzeugen.

Mit dem Willen, alle Informationen kompakt einzudünsten ergibt sich die Notwendigkeit, alles bereits am Anfang zu Ende zu denken – andernfalls macht das Kondensat ja keinen Sinn. Jeden Tag wird mir klarer, was für eine Dimension unser Vorhaben hat. Und damit kommen die Fragen. Was will ich eigentlich? Und wofür?

Was will ich hier, hier auf diesem Planeten?

Es braucht ein paar Tage, bis ich mir nicht mehr die Frage nach dem Plan, sondern die Frage nach dem Sinn stelle.

Und diese Frage beantwortet sich zäh. Ich glaube, auch weil es für mich ungewohnt ist, zwischen einem Plan und dem Sinn zu unterscheiden. Die Frage, was ich will (Sinn) verwechselt sich für mich leicht mit der Frage, was ich als nächstes will (Plan). Mir fällt auf, dass ich mein Leben bis jetzt, wenn überhaupt, geplant habe. Ich habe Gelegenheiten erkannt, um sie herum geplant und aus ihnen heraus gewirkt.

Bei einem Frühstück in der ChaiLaiOrchid Lodge, zwischen Elefanten im Dschungel, drängt sich der Gedanke auf, dass die Feststellung des übergeordneten Sinns vielleicht gar nicht zentral ist, wie es sich mir seit einigen Tagen präsentiert. Mit einem bisschen Gottvertrauen und stabilen persönlichen Werten darf man vielleicht auch Gelegenheiten ergreifen, um diese drumherum planen, gutes bewirken und darauf vertrauen, dass sich am Ende ein großes Sinnbild ergibt?

Ich beschließe, das erstmal so stehen zu lassen und vielleicht doch erstmal die Zielfragen zu klären. Passt meine Planung zu den Wünschen an mein eigenes Leben? Gespräche mit Sebastian von wirelesslife und den Leuten vom CitizenCircle liefern neue Perspektiven und verbieten mein normales Handlungsmuster, das Naheliegendste zu tun.

Was ich will habe ich in meinem letzten Beitrag angerissen. Heute ergänze ich es um den Willen, Gutes zu bewirken und Menschen in meinem direkten Umfeld dazu zu animieren nett zu sich selbst und ihrer Umwelt zu sein. Den ‚Organismus Leben‘ zu respektieren und ihn zu pflegen. Vielleicht ist das ja schon mein Sinn?

ChaiLaiOrchid

Ursache …

Seit zwei Tagen ist Urlaub, Urlaub von Texten, Tabellen und Planungen. Dafür mit Rüsseltieren. Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, wie sehr mich diese Tiere faszinieren. Wir verbringen einen Tag damit, Elefanten zu füttern, mit ihnen durch den Dschungel zu laufen und sie wieder zu füttern. Genaugenommen fressen Elefanten den ganzen Tag und Futter scheint so ziemlich das einzige zu sein, dass sie interessiert.

… und Wirkung

Ich habe auf AirBnB das ChaiLaiOrchid gefunden, quasi ein Retirement für Elefanten mit ein paar einfachen Bungalows. Sie schreiben von glücklichen Tieren und einer elefantengerechten Haltung. Das gefällt mit. Also gehe ich, ohne weiter darüber nachzudenken, davon aus, dass hier ein paar zufrieden trötende, freilaufende Elefanten auf einer grünen Wiese vor den Bergen stehen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

Die Wirklichkeit ist anders. Mit Ketten am Fuß, den Aktionsradius auf wenige Meter begrenzt, erinnern mich die Kolosse in amerikanischer Strafgefangenschaft. Nix mit grüner Wiese. Roter abgetrampelter Boden. Mir wird klar, dass Wildtiere mit diesen Ausmaßen und mit dieser Kraft einfach nicht anders an einem Ort zu halten sind. Elefanten und ein Zaun? Sinnlos. Bekämen sie die Gelegenheit, erstmal Anlauf zu nehmen, wäre vermutlich auch eine Betonmauer kein großes Hindernis. Also muss die Kette anscheinend so sein. Oder man lässt sie einfach wo sie sind, im Urwald. Aber davon gibt es in Thailand nicht mehr allzu viel.

Umgeben von neugierigen Rüsseln (Rüssel verlängert Kette), die immer wieder den Weg in die Umhängetaschen finden, aus denen wir Zuckerrohr, Mais und Bananen verfüttern, fällt die Anspannung der letzten Wochen schlagartig von mir ab. Ich fühle mich wie ein Kind, bin glücklich und komplett im Augenblick gefangen. Auch wenn ich mir die Aufmerksamkeit hier mit Südfrüchten erkaufe ist es wunderbar. Der Weg mit einem Mutter-Kind-Gespann durch Dschungel und Fluss und ein kurzer Ritt im Mahout-Style (ohne Sattel zwischen Kopf und Körper) ist für mich das, was neudeutsch als Lifetime-Experience gilt.

Ich könnte noch Tonnen von Bananen verfüttern aber wir gehen Bamboo-Raften. Über den schlammbraunen Fluß gleiten wir auf ein paar Bambusstangen flussabwärts. Rafting ist vielleicht ein bisschen übertrieben, der Fluss schlängelt sich, hier und da unterbrochen durch ein paar ‚Stromschnellchen‘, gemütlich durch den Dschungel. Nach der Passage einiger gekenterter Chinesenfamlilien sind wir dennoch mächtig froh, dass ein schweigsamer thailändischer Junge uns mit einem langen Bambusstab gekonnt durch alle Flussengen manövriert. Die Natur ist atemberaubend und erinnert, mit Ausnahme des hier und da angeschwemmten Plastiks, verdammt an Urwald.

Bis auf ein paar Zeilen an diesem Text und einer Runde Online-Scrabble (bei dem Wörter nur fünf Buchstaben haben dürfen und man gegen einen Computer spielt, der anscheinend alles legen darf) bleibt mein Notebook zu.

Digital Detox. Unverzichtbar.

Wired by nozzle 😉

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