CHIANG MAI: LIVIN‘ IN THE JUNGLE/HUB

Chiang Mai in einem Wort: Mega. Und warm.

Mister Glid holt mich von meinem Flug aus Bangkok in Chiang Mai vom Flughafen ab. Es soll regnen und stürmen in den nächsten Tagen. Hier ist immer noch Songkran. Und meine Waffe ist in Bangkok. In einem blitzeblanksauberen Toyota co-rollen wir in ein blitzblanksauberes Einkaufszentrum. Mister Glid weist mich an, mich für die nächsten Tage zu versorgen, because of the thunderstorm. Ich folge bereitwillig und finde sogar Quinoa im Sortiment. Für auffallend viele Bahts schiebe ich Obst, Gemüse, Kokosmilch, allerlei Kleinkram und eine Kiste Eier in einem vollen Einkaufswagen durch die glühende Hitze. Irgendwie sieht es gar nicht nach Regen aus.

Vegan Weeks. Also eat better vegan. Das habe ich mir für meinen Aufenthalt hier vorgenommen. Ich will endlich mal wissen wie’s mir geht, wenn ich nicht jeden Tag Fleisch esse. Bis jetzt habe ich Erkenntnis, dass die Fleischproduktion der ultimative Klimakiller überhaupt ist zwar erfasst, aber geflissentlich ausgeblendet. Mit dem guten Weidefleischgewissen kaut man ja doch gern auf einem Stückchen Hoher Rippe. Nur ist es der Atmosphäre ziemlich egal, ob die Kuh nun auf Betonspaltenboden oder auf einer grünen Wiese ihr Methan ausgast. Pups ist Pups. Atmosphärisch betrachtet.

By the Way: Wieviel Liter Wasser fließen durch die Kuh für ein Kilo lecker‘ Steak? Auflösung am Ende.

Mir gehts übrigens gar nicht um den Fleischverzicht per se, aber sagen wir mal so, ich möchte Fleisch aus meinem Alltag an den Sonntag holen. Es soll etwas besonderes sein, etwas das ich schätze. Und das kann ich einfach nicht gut mit Dingen, die immer einfach so da sind. Naja, und ich will einfach mal wissen, wie sich das vegane Leben, gegen das ich lange laut gewettert habe, eigentlich in live anfühlt. Wo ist das leichter als in Thailand? Wo es frisches Obst und Gemüse zu Hauf gibt? Dinge, die ich noch nie gesehen habe. Eier habe ich trotzdem gekauft. Zur Sicherheit. Man weiß ja nie.

Mein Stilthome, ein Stelzenhaus, ist ein Traum. In einem Bambusgarten, direkt an einem See, mitten in den Reisfeldern bin ich für die nächsten vier Wochen zu Hause. Ich brauche ein paar Tage, bis ich das realisiert habe. Es regnet. Der Sturm bleibt aber aus und die vegane Küche schmeckt. Komischerweise geht es mir auch gar nicht schlecht.

Jeder, dem ich von meiner Reise erzählt habe hat mir einen schönen Urlaub gewünscht. Meistens habe ich mich nur höflich bedankt. Ab und an habe ich erklärt, was ich hier vorhabe und warum ich Hürth für einen langen Zeitraum verlasse.

Die Reaktionen reichten von „Coooooool!! bis „Na ob das mal klappt …?“

Chiang Mai ist ein Experiment mit mehreren Dimensionen. Ich will die Welt erkunden. An Orten sein, die mich dazu inspirieren, sie zu explorieren. Ich will das Notebook morgens mit Freude aufklappen. Oder auch mal zulassen. Eintauchen in fremde Kulturen. An Orten, die Arbeit und Freizeit miteinander verschmelzen lassen. Und meinen krummen Schreibtischrücken wieder gerade machen, ein paar ungesunde Gewohnheiten abstellen. Dazu später.

Ich will arbeiten können, wann ich will und wo ich will. Dafür muss ich raus aus dem Tagesgeschäft, raus aus permanenter Erreichbarkeit und dem selbstgekochten Gefühl immer sofort auf alles reagieren zu müssen. Warum müssen Emails jeden Morgen beim ersten Kaffee bearbeitet werden? Und abends auf der Bettkante. Und zwischendurch. Eigentlich immer. Reicht es nicht auch, das zweimal in der Woche zu tun? Kann der Rest nicht warten? Oder, können manche Dinge vielleicht auch von jemand anderem erledigt werden? Vielleicht noch besser als von mir selbst?

Vor meiner Reise installiere ich einen Autoresponder mit einem Text, der definitiv die Grenzen auslotet und mich maximal abschottet. Ganz oder gar nicht. Entweder warten oder über eine Software zu einem vorgegebenen Termin einen Rückruf vereinbaren. Thats it. Nun, die Reaktionen meines Testumfeldes waren, gelinde gesagt, etwas erschreckt.

Die Praxis nach zweieinhalb Wochen: Läuft. Sogar ganz fantastisch. Meine Kunden findens klasse und nutzen alle Optionen mit Freude. Nur ich habe eine Woche gebraucht, um eben fünf von sieben Tagen nicht in mein Postfach zu gucken. Ehrlich gesagt gelingt es mir immer noch nicht ganz. Aber, ich werde gelassener. Manche Dinge brauchen wohl.

Aus unserer schnuckeligen, hochfunktionalen Dienstleisterkooperative in der der Betriebsgesundheit soll endlich ein richtiges Unternehmen werden. Das noch viel mehr macht, als wir jetzt tun. Das den Sprung aus der reinen Offlinewelt (Seminare und Kurse) in die Onlinewelt schafft. Markus und ich diskutieren schon lange darüber. Ich sehe es vor mir, das Unternehmen, seit langem, aber so langsam muss das Vorhaben mal gerechnet werden. Workflows, Prozesse und Stellen müssen beschrieben werden. Kurzum, das Ding braucht einen Businessplan. Und dafür brauche ich Zeit.

Am nächsten Morgen klappe ich mein Notebook auf und fange an. Erst will es nicht so richtig. Dann komme ich langsam in Schwung. Vieles wird klarer, wenn der Text auf einem Bildschirm steht. Will ich das so? Wenn nicht, wie will ich es dann? Vor mir steht die Struktur eines traditionellen Businessplans. Lang. Ausführlich. Man könnte sagen erschöpfend. Am Abend höre ich auf, schlafe, fange am nächsten morgen wieder an. Beantworte Emails.

An Tag drei verlasse ich ziemlich widerwillig das Grundstück. Ich bin zu einem BBQ im JungleHub eingeladen, dem Coworking Space des Citizen Circle. Eingeladen hat mich Tim, der Gründer dieser Community aus Menschen, die ohne festen Standort, ohne Büro, von verschiedenen Orten der Welt aus arbeiten. Mitglied bin ich am Neujahrsmorgen auf Ko Lanta geworden. Mit dem Willen, meinen Zielen näher kommen. Menschen kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen. Von ihnen zu lernen. Ortsunabhängiger zu arbeiten. Seitdem zahle ich meine Mitgliedsbeiträge und habe genau eine Chat-Nachricht geschrieben. Irgendwie bin ich wohl doch zu altbacken für eine Online Community.

Die Einladung erreicht mich einen Tag vorher. Ich freue mich und beschließe hinzufahren. Bestimmt eine gute Gelegenheit, hier jemanden kennenzulernen. Kurz vor Abfahrt frage ich mich ob ich wirklich fahren will. Was werden das da für Menschen sein? Brauche ich das wirklich? Kann ich nicht einfach zu Hause bleiben? Meinen Plan weiterschreiben? Tim bittet im Chat darum, Side-Dishes und Drinks mitzubringen. Was isst man den hier als Beilage ausser Reis verdammt? Was mache ich jetzt? Halte ich an irgendeinem Streetfoodstand, zeige auf irgendwas, das ich nicht kenne und bringe das mit? Ich habe wirklich sowas wie Angst.

Es fällt mir generell schwer auf fremde Menschen zuzugehen. Ganz besonders nicht auf fremdem Terrain. Und jetzt auch noch mit fremden Speisen? Ich beschließe, meinen Kühlschrank zu plündern und einen Tomatensalat zu machen. Genau so, wie ich es zu Hause auch machen würde. Irgendwer wirds schon essen.

Bewaffnet mit meinem Salat in ausgedienten Langnese Eisboxen kaufe ich auf dem Weg noch zwei Tüten Saft (Es gibt hier Maulbeersaft, schmeckt aber nicht und riecht nach Fisch) und nähere mich meinem Google Maps Ziel. Kein BBQ. Nichts. Ich checke die Adresse, rauche eine (wolle eigentlich schon lange wieder aufgehört haben, soviel dazu), fahre dann zigmal durch das Straßengewirr, immer wieder um denselben Block und suche die richtige Hausnummer. Immer wieder vorbei an einem Wachmann. Mir ist es nach dem dritten Mal peinlich, er grüßt mich lächelnd. Beim fünften Mal lacht er. Ich rauche noch eine. Packe mein Notebook aus und gucke nochmal nach der Anschrift. Falsche Straße. Scheiß Google. Diskutiere mit mir ob ich mir mit meinem Salat und dem Saft nicht auch alleine einen schönen Abend machen kann.

Ein paar Minuten später bin ich zwei Kurven vom Wachmann entfernt und da. Es wird ein netter Abend. Wie üblich brauche ich etwas, um ins Gespräch zu kommen. Am Ende fahre ich mit dem Gefühl, dass hier gerade etwas gutes passiert und viel später als geplant mit meinen leeren Langnesedosen nach Hause.

Zwei Tage danach komme ich zum Coworken wieder. Es ist anders als in Bangkok und ich komme mit Marta ins Gespräch, die ein paar Monate in Chiang Mai ist, um Tim und den Citizen Circle zu unterstützen. Ich erzähle von meinem Projekt. Und ich bekomme Feedback. Dazu ein paar Kontakte zu anderen Mitgliedern, die ich tatsächlich anschreibe und die auch tatsächlich antworten. Das Ding scheint zu funktionieren. Langsam beginne ich zu checken, wie diese Gemeinschaft funktioniert.

In den kommenden Tagen rollere ich immer wieder auf Nebenstraßen durch Reisfelder in den JungleHub, schreibe Kapitel für Kapitel, quatsche mit Marta, Tim und den anderen Anwesenden. Ich produziere viel Text, gefühlte Unmengen. Beschreibe detailliert alles, was mir in den Sinn kommt. Mehr und mehr fange ich an, mich zu fragen, wer das lesen soll. Hätte ich mir vielleicht besser vorher Gedanken zu gemacht. Je mehr Text es wird desto mehr frage ich mich ob ich das alles will.

Das Arbeiten in einer Community, wo man eigentlich nicht mit, sondern nebeneinander arbeitet, ist eine völlig neue Erfahrung für mich. Das erste Mal seit zwei Jahren sitze ich nicht alleine an meinem Schreibtisch, trinke nicht alleine Kaffee und esse nicht alleine. Und ich denke nicht alleine.

Auch wenn jeder an etwas anderem, an seinem Projekt arbeitet, arbeitet man doch irgendwie zusammen. In den kurzen Pausen mit Marta bekommen viele meiner Gedanken eine neue Gestalt und zusätzliche Perspektiven. Wir verstehen uns gut und so landen wir mit ein paar anderen Nomads am späten Abend auf dem Dach einer hippen Mall in einer Rooftop Bar. Genau genommen zwischen zwei Bars. Mit Livemusik, auch zweimal. Sie mögen es bunt, die Thailänder. Und laut mögen sie es auch. Wir sprechen über Arbeit und darüber, was man in Chiang Mai so alles machen kann. Ich frage mich, wie es um die Work/Life-Balance derer bestellt ist, die immer und überall arbeiten können. Und die das auch tun.

Am nächsten Morgen fange ich nochmal von vorne an. Die Kapitel sind kurz und machen Spass zu lesen. Passt.

Jetzt weiss ich, dass ich das alles will.
Und du? Vielleicht mehr Reiseberichte?

9-15.000. Drei Steaks.

 

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