Bangkok in einem Wort: Viel.

Und zwar von Allem. 17 mal Köln an Menschen. 18 mal Manhattan an Fläche. Viel Stadt, manchmal zu viel. Immer und überall ist Stadt und schon auf der Karte ist Bangkok eine fordernde Vielfalt. Mittendrin erst recht für die Sinnesorgane. Nur nachts ist es ganz überraschend ruhig.

Mein Versuch, in drei Tagen eine Idee zu bekommen, was Bangkok ist, scheitert kläglich. Die Dimensionen sind nicht bezwingbar, weder ebenerdig auf der Straße, noch mit dem darüber fahrenden Skytrain, der darunter rumpelnden Metro, geschweige denn zu Fuss. Schon ein einzelnes Viertel ist für ein paar Tage gut.

Glücklich darüber, mit dem auf den ersten Blick undurchschaubaren System voneinander unabhängiger Public Transports im Hotel angekommen zu sein und unfähig zu entscheiden starte ich zu früher Stunde am nächsten Morgen sicherheitshalber mit den Tourihighlights. Die Fahrt mit dem Taxiboot zum Blumenmarkt ist ein Erlebnis. Der Markt übrigens auch.

Blumenmarkt Bangkok

Thailänder sind allgemein auffallend ruhige Wesen. Nur wenn sie regelnd ins Transportwesen eingebracht werden und man ihnen eine Trillerpfeife und ein Megafon gibt, verschafft sich ein über Jahrzehnte angestauter Wunsch nach Hektik Luft. Sie schreien, pfeifen, quetschen Landsleute und Touristen gleichermaßen unsanft in überfüllte Verkehrsmittel. Die so dirigierten ertragen es mit stoischer Ruhe.

Ganz anders die Szene vor meinem Abflug in Köln. Hier blicken gelangweilte Flugbegleiter vom Boarding-Counter auf eine drängelnde Schlange aggressiv kaugummikauender Wartender. Wartend auf den Eintritt in ein Verkehrsmittel, dass dank Platzreservierung von Überfüllung garantiert verschont bleiben wird. Es ist eben fast das andere Ende der Welt.

Wat Pho, der Tempel des liegenden Buddhas ist, wie zu erwarten, eine gigantische Tempelanlage mit einem liegenden Buddha.


Passend zur Stadt und zur Besuchermenge ist es ein sehr großer liegender Buddha. 46 Meter kann man an ihm vorbeilaufen und dabei Münzgeld (bringt Glück) in 108 Messingschalen werfen. Die passende Menge ist für 20 Baht auf Kopfhöhe des Buddhas zu erwerben und reicht, richtiges Zählen vorausgesetzt, bis zu seinen sehr, sehr großen Füßen.

Obwohl der Tempel rappelvoll mit Touristen aus aller Herren Länder ist, an jeder Ecke irgendwas verkauft oder lautstark angepriesen wird und Besinnlichkeit dadurch ziemlich weit weg ist, überkommt mich beim Anblick des riesigen Buddhas ein spirituell-ruhiges Gefühl. Die Statue ist so präsent, dass es schwer fällt, den Blick abzuwenden und die Konzentration auf den Raum zu richten. Das lohnt aber. Unfassbar feine und detaillierte Bemalungen von Decke bis Boden werfen die Frage auf, wieviele kleine Hände wie lange daran gemalt haben. Sie bleibt unbeantwortet.

Daheim gar nicht für Sakralopfer zu haben, kaufe ich mir eine Schale Glücksmünzen. Laufe los und schicke jede Münze mit einem Gedanken oder einem Wunsch in die aufgereihten Messingschalen. Auf Höhe von Buddhas imaginärem Bauchnabel hat sich hinter mir ein Stau gebildet. Anscheinend habe ich das System nicht verstanden. Hier geht es weniger um einen besinnlichen Weg als vielmehr um einen repetativ-mantraartigen Abwurf. Der Blick der meiner Nachfolgerin und mein Abstand zum Vordermann verrät mir, dass man hier eher auf auf schnelles Glück aus ist. Ich beschleunige und schließe noch vor Erreichen des Ziels auf. Für meine Wünsche hat es dennoch gereicht.

Das eingeworfene Glück wird wenige Sekunden nach meinem Zieleinlauf von einem (übrigens nicht sehr glücklich aussehenden) Tempelbediensteten geräuschvoll in eine große Plastiktonne auf einem Rollwagen entleert und dem ewigen Kreislauf von neuem zugeführt.

Immer noch in Besichtigungslaune nähere ich mich dem großen Palast. Jedoch wird mir vor dem Eingang, nachdem ich eine halbe Stunde an verschiedenen Sicherheitsschleusen gewartet und den Inhalt meiner Taschen präsentiert habe, aufgrund meiner kurzen Hosen der Einlass verwehrt. Das Thermometer misst 39 Grad und ich beschließe, nach einem kurzen Duschstop im Hotel Bangkoks klimatisierte Shoppingparadise zu entern.

Rund um den Siam Square stehen die größten Malls der Welt. Mein Reiseführer verspricht, ein Einkaufserlebnis der besonderen Art. Es sei quasi verpflichtend, nach Bangkok mit leeren Taschen zu reisen, um diese zu günstigen Preisen mit den Waren der Welt zu füllen. Pflichtbewußt buche ich mir für den Rückflug ein Gepäckstück und bin bereit für 23 Kilo Shopping.

Sonkrat, das thailändische Neujahrsfest versetzt Bangkok in einen Ausnahmezustand. Drei Tage bewaffnen sich alle, die noch vom Quell der Jugend trinken, mit SuperSoakers in jeder erdenklichen Größe, Form und Farbe und machen sich gegenseitig nass. Pünktlich ab 13 Uhr, beginnend am 13. April ist Wasser für drei Tage definitiv das dominante Element der Stadt. Bei knapp 40 Grad ist die Luft kurz vor flüssig.

Mit einem Strom abertausender, wasserarmierter Menschen fließe ich aus der Skywaystation und biege noch trocken ab in das Siam Paragon, Bangkoks neueste Nobelmall. Sie gehört zum einem riesigen Komplex, neben ihr das Siam Center, die Mall für die gehobene thailändische Mittelschicht und das Siam Discovery (für den trendbewussten Hauptstadt-Hipster). Die marmor- und blattgoldglänzende Welt zwischen Louis Vuitton & Co ist nicht mein Ding und als mein Körper sich dank standesgemäßer Klimatisierung ausreichend abgekühlt hat starte ich Richtung Foodcourt. Das erwartend, was ich aus Florida und New York kenne eröffnet sich mir einfach mehr, viel mehr. Auf einer Fläche von 25.000 qm gibt es einfach alles was irgendwie essbar erscheint.

Ich irre durch die Gänge, völlig überfordert mit dem Angebot und sitze am Ende schamerfüllt aber dennoch glücklich mit einem mittleren Filterkaffee in einem Starbucks. Drei Malls später, keine Tüte am Arm, aber dafür mehrfach gesupersoakt lande ich im Hotel und schlafe noch nass auf meinem Bett ein. Abends erkunde ich meine Nachbarschaft, in der es ausnahmsweise mal nicht viel gibt und finde mit Hilfe von Tripadvisor eine kleine Gasse mit ein paar Streetfood-Ständen. Auf dem Weg dahin wechsle ich mehrfach die Straßenseite, immer, wenn ich aus der Ferne eine bunte Wasserpistole und eine Gruppe grinsender, junger Schützen sehe.

Mich einen kurzen Moment sicher fühlend werde ich an einer dunklen Straßenecke urplötzlich von einer Gruppe alter Frauen eingekreist. Kichernd leeren sie mehrere Schüsseln Wasser über mir aus, Flucht unmöglich.

Sonkrat! Sonkrat! Happy New Year!

eat bettter Streetfood BangkokMitten in Bangkoks leerem Bankenviertel verfolge ich klatschnass und lachend eine der senioren Angreiferinnen und erwische sie mit einem satten Schwall Wasser aus meiner Trinkflasche. Morgen werde ich mich bewaffnen. So.

Ziemlich nass und hungrig verzehre ich einen Haufen Garnelen vom Grill, Reis und Gemüse, trockne in einer warmen Bangkok’er Nacht auf dem Heimweg und beschließe am nächsten Tag Chinatown und einen Coworking-Space zu besuchen.

Chinatown hat zu. In brüllender Hitze laufe ich kilometerlang vorbei an verrammelten Ladenfronten, bis ich auf eine schmale Gasse mit Marktständen stoße. Schattenbedürftig trete ich ein und finde mich in der Welt der Dinge wieder, die Marco Polo Reiseführer so blumig beschreiben. All diese Dinge, die es bei uns nicht gibt. Meiner Meinung nach aus gutem Grund.

Auch Coworken ist an Sonkrat eine kleine Herausforderung. Da sich alle nassmachen – und deshalb natürlich keiner arbeiten kann – dauert es eine ganze Zeit, bis ich eine geöffnete und erreichbare Location gefunden habe. Das ‚Too Fast to Sleep‘  ist nett, aber unspektakulär. Nach ein paar Stunden ist mir noch nicht klar, was die Menschen daran finden. Ich finde keine Steckdose und kehre mit leerem Notebookakku, dafür mit einer Tüte thailändischer Puddingteilchen (sind das jetzt Thailchen?) nach ein paar Stunden heim, packe meinen Rucksack und bestelle mir an der Rezeption ein Taxi für den nächsten Morgen zum Flughafen.

Natürlich hat Bangkok zwei Flughäfen (was auch sonst), was mir erfreulicherweise in letzter Sekunde auffällt. Zum alten Don Muaeng Flughafen im Norden, wo die thailändischen Billigflieger starten, fährt man angeblich eine gute Dreiviertelstunde. Die Dame an der Rezeption rät zu einem zeitigen Aufbruch. Mein Flug nach Chiang Mai geht 12.40. Ich soll um 9.00 Uhr fahren. Da braucht sie wohl das Zimmer.

 

I’ve only handluggage and I’ve already checked in online!

Ich schlage 11 vor, lasse mich aber von ihren Blicken und den Worten ‚Immigration Authorities’, ‚Visa’ und ‚Problems‘ ausreichend verunsichern. Nach einigem hin und her handele ich meine Abfahrt wenigstens auf 9.30 hoch. Nach dem Verzehr der Thailchen ist mir wie erwartet ausreichend schlecht, um mein Vorhaben von vier vegetarischen Detoxwochen in Chiang Mai in Stein zu meißeln.

Das Taxi ist um 9 Uhr da, was auch sonst. Der Kaffee schmeckt sowieso nicht, also fahren wir los. Mein Taxifahrer, Mr. Lii, hat beim Kauf seines Fahrzeuges die Grundausstattung gewählt, dann aber alles nachgerüstet, was der hiesige Zubehörmarkt hergibt. Und das ist eine ganze Menge. Mit Heißkleber, Silikon und Kabelbindern ist die ganze Karre komplett zugepflastert mit magischen Zusatzinstrumenten, Rückfahrkameras, Extraspiegeln, Bildschirmen und mehreren Handys im direkten Blickfeld. Über leere Straßen gleiten wir gemütlich in Richtung Airport, den ich um 9 Uhr 35 betrete.

Um 9.45 habe ich die Sicherheitskontrollen hinter mir gelassen und sitze mit einem verdammt scharfen Reis mit Ei zwischen schlafenden Chinesen am Gate. Knapp drei Stunden später bringt mich eine brandneue Boing voll sehr nett lächelnder Stewardessen für den Preis eines VRS-Tagestickets (Großraum Köln) in den Norden.

4 Wochen Baumhaus am See. Feels like heaven.

 

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